Heute, in meinem Kopf.

Wenn ich all die Worte aus meinem Kopf befreien könnte …!
Sie klopfen an meine Stirn, und wenn sie nicht gerade zischelnd berichten, was sie empfinden, dann rufen sie. Dass sie raus wollen. Dass sie nicht mehr in meinem Kopf bleiben mögen. Dass sie die Nase voll haben – von diesem Gefängnis und dem Wirrwarr. Sie nennen es Wirrwarr. Dabei sind sie es selbst.
Wenn ich könnte, würde ich den Kopf öffnen, für ein paar Stunden oder so lange, wie sie brauchen, um zu verschwinden und ihr Glück in der großen, weiten Welt zu suchen. Wer weiß, wo sie ankommen werden. Und wessen Kopf werden sie besuchen? Und werden sie dort auch wieder so unglücklich sein wie in meinem, wollen sie dort auch wieder so bald wie möglich gehen? Nach einem Monat? Oder einem Jahr?
Ich kann nicht denken, weil meine Gedanken das Denken blockieren, sich feixend davor stellen und rufen: „Selber schuld! Lass uns raus!“
Ich kann nicht sprechen, weil meine Worte das Sprechen verhindern, sie purzeln durcheinander und die stürzenden Gedanken schreien und schubsen und beißen sich gegenseitig in die wutverzerrten Gesichter und alles kommt in blutigen Fetzen aus meinem Mund heraus.
Hier sitze ich also auf meiner Insel.
Meine Nachbarn klopfen an die Wand, weil ich zu laut spreche. Und zu laut alte Platten spiele. Denn wenn ich zu ihrer Musik singe, verlieren die vielen Worte in meinem Kopf an Macht. Sie ziehen sich schmollend zurück und klappen ihre Texttafeln zusammen.
„Soll sie doch die Worte der anderen anhören und vorziehen“, murmeln sie beleidigt, „wenn sie glaubt, dass sie weiser sind – bitte.“
Und dann ziehen sie ihre Vorhänge zu und decken ihre Schmollmund-Gesichter mit einem Kissen ab. Oh, und wie es mich schmerzt. Und wie ich mich schäme. Und besänftigen möchte ich sie, weil wir doch aneinander gebunden sind, auch wenn sie nicht wollen, und ich oft genug nicht will. Doch wir sind voneinander abhängig, aneinander gekettet und deshalb sollten – nein, müssen wir uns vertragen.
Sie lassen sich meistens besänftigen. Aber nicht, ohne ihre Kunst noch einmal auszukosten und mir ganz klar zu sagen, wie sie die Sache sehen – dass es natürlich meine Schuld ist, weil ich sie ja schließlich nicht gehen lasse, wie sie es einfordern. Und es liegt selbstverständlich in meiner Verantwortung, wenn ich andere Worte ihnen vorziehe, aber immerhin hätten sie es sich nicht ausgesucht, in diesem engen, überfüllten, wirren Schädel gefangen zu sein, immerhin würden sie sofort gehen, wenn ich sie nur lassen würde – es war ein nicht enden wollender Kreislauf. Und es machte mich müde.
Oh ja, sie erschöpfen mich, mit ihrem Gezeter, ihrer Boshaftigkeit, ihrem ständigen Durcheinanderpurzeln, ihrer dauernden Nörgelei. Und doch, manchmal, da tun sie auch gut. Wenn sie im richtigen Moment giftig werden und auf meine Zunge und aus meinem Mund springen wie kleine Indianerpfeile. Wenn sie mir einen schlechten Tag durch überraschend sarkastische Kehrtwendungen versüßen. Wenn sie ihre geistigen Höhenflüge so laut hinausposaunen, dass ich mich daran ergötzen kann.

Ja, vielleicht ist es tatsächlich meine Schuld – und ich lasse sie absichtlich nicht gehen.