Abflug.

Die Regentropfen am Fenster des Flugzeuges sehen beim Starten aus wie kleine Spermien, die auf dem schnellsten Weg zum Ziel sind. Mayas Gesicht presst sich aus Klischeegründen nicht an die Scheibe, ihre Augen suchen den Sitz vor ihr ab, obwohl sie ihn auswendig kennen – Tageszeitung und So-retten-Sie-sich-Comic hinter straff gespanntem Gummigitter, Spucktütenecke links, Konsumartikelkatalogecke links und ein verwirrendes Muster der Polsterung. Wie fremdartige Insekten liegen ihre Hände in regungsloser Starre auf ihrem Schoß. Regungslos … Schattenhaft regt sich ein Mitfliegender an ihrer Seite, die Stewardess spricht schnell und routiniert knisternd durch ein Sprechgerät und nichts macht mehr Sinn. Erinnerungen, die zahlreich vor den Toren ihres Gedächtnisses stehen, schwarze Schützen und silberne Ritter, all die Tage, vor Gestern, vor den Wochen des Vergessens. Das ist keine Einladung. Denkt Maya. Und lehnt sich ein bisschen vor, um in den Gesichtern des So-retten-Sie-sich-Comics zu lesen.
Die attraktive Stewardess macht mit einem unwiderstehlichen Lächeln deutlich, dass ein Absturz über Wasser nur minimale Gefahr bedeutet, und die Sonne sticht dazu durch das Flugzeugfenster. Seufzen. Escape path marking lights. Ob der Rest der Maschine auch so denkt, fragt sich Maya, ob sie auch vergisst, sich zu erinnern, und ob Poesie überhaupt noch eine Rolle spielt, jetzt, wo sogar der Kopfschmerz nur noch eine vertraute Melodie ist. Der Schatten an ihrer Seite blickt konzentriert in seine Zeitschrift und kaut konzentrierter auf seinem Kaugummi; wie viele Neurosen auf den Straßen entlang gleiten, wie oft wohl schon der Knoten geplatzt, die Nacht zu lang geworden ist – wie sehr sie sich auch bemüht, die Gedanken warten im Wartesaal des Morgen und hoffen auf eine neue Chance. Maya verweigert sich ein bisschen, blickt ein bisschen auf die staubige Rollbahn, ignoriert ein bisschen die Stewardess, den Schatten, den Atem um sie herum. Das Leben auf engem Raum. Der Enge war sie gerade entkommen. Die Enge hatte sie vor Stunden, die schon kein Tag mehr waren, abgeschüttelt und sich einen neuen Umhang genäht. Dazu war noch ein wenig Zeit gewesen zwischen Schalenkoffer, Beauty-Bag und Schade. Jetzt hätte melancholische Musik gepasst, aber nur, wenn man zurücksehnen wollte. Ihre Sehnsucht ging nach vorne. Was genau im Vorne liegt, kann keine Wahrsagerin mit Sicherheit sagen – lieber verbirgt sie ihre Stimme hinter kryptischen Visionen und den bunt gemalten Bildern des Vielleichts. Maya kennt das schon und hat das schon gesehen, deshalb verwirrt es sie nicht mehr. Es hinterlässt nur einen faden Geschmack, den das Borddinner schon vertreiben wird. Nicht vegetarisch. Substantiell.
Maya lauert auf ein Lächeln, als die Stewardess ihr Getränke anbietet. Wenn man länger nichts angeboten bekommen hat, außer abgestandenem Blick und leerem Wort, klingt der Begriff Tomatensaft widerwärtig, abstoßend. Und rot. Maya bestellt Wasser auf die Gefahr hin, dass der Schatten sie für verrückt hält, und während hinter der Klappe des Getränkewagens Eiswürfel klappern, richtet sie den Strahl der Klimaanlage auf ihr Gesicht. Wenn man bedenkt, denkt sie, und hört sofort wieder auf. Das, was vor ihr liegt, bedenkt sich nicht so leicht. Siehe oben. Und außerdem will sie jetzt die Wolken sehen und die leisen blauen Inseln, die von Fernweh erzählen, von Liebe, von Traum. Vom tiefen Fallen. Es schlingert sich angenehm in großen Passagiermaschinen und wenn man sich zurücklehnt, tauchen schöne Erinnerungen auf, von Spielplätzen, Wippen und Schaukeln. Geschaukelt war sie auch, ja, wie ein 10-Mann-Kanu ohne Tiefgang, und die Klippen waren lachende Warnungen gewesen, von der Gischt geschluckt.
Mayas Blick streift das Knie des Schattens, der Wagen rollt über den Gang, die Stewardess lacht über einen missglückten Mitflieger-Witz und die Fremde breitet sich weiter über ihren Sitz aus, macht sie nervös, reibt sich ein wenig in ihrem Nacken und setzt sich dann dort fest. Kopf nach vorne hängen lassen, Füße ein wenig regen, die Regeln beachten und auf Ablenkung warten. Auf Loslösen. Auf Morgen. Maya konzentriert sich schaukelnd auf das Schaukeln und die schweren Augenlider, die gerne vorbeischauen, um Nackenkrämpfe und trübe Gedanken abzulösen.

Im Endanflug auf München sieht man ein Feld, in das ein spiritueller Bauer eine Lotusblüte gemäht hat. Vor den Toren der Stadt steht ein Bus und erwartet etwas. Maya glaubt nicht an Vorsehung, nicht, nachdem sie nichts hervorgesehen hat, die letzten Tage nicht, die letzten Stunden nicht – kein Gefühl mehr für Wichtigkeiten und das Klären der durchfurchten Fronten. Auf der Straße wellt sich ein Großstadtgefühl, dass den spirituellen Bauer an den Rand in den Graben drängt und Maya versucht sich weiter in der neuen Disziplin des Das-war-es-jetzt, nicht olympisch zwar, aber vielleicht doch sportlich, wenigstens das. Hinter ihr liegt ein bisschen dies, ein bisschen das und vor allem die Vergangenheit, die lange Schatten wirft, in einem endlosen Sonnenuntergang. ‚Keine Vorsehung, Maya‘, denkt sie, und wuchtet ihren Koffer mit der Kraft der emanzipierten Frau in das Gepäcknetz. Das hatte ihr nicht zuletzt die Emanzipation gebracht – den Abschied, diese geisterhafte Sicherheit. Zurück hatte sie gewollt, auf einmal – nein, das war gelogen. Schon länger hatte da doch dieses Gefühl genagt. Diese Gedankenbrut. Dass etwas nicht stimmen konnte, auch wenn es noch keinen Namen hatte. Dass er … – das hatte sie nicht zu Ende denken können. Jetzt brüllt es sie aus dem Gepäcknetz an. Es war interessant, wie schnell sie alles hatte packen können. Wie schnell sie sich hatte entscheiden können. Die Hinreise war schwerer gewesen; lange Debatten, viel Wein, ein paar Tränen links und rechts. Dann das Gefühl der Wärme. Der Entschluss, sich auf ein paar Tage, Monate, Jahre (?) bei der Nähe einzuladen. Die Nähe hatte doch gesagt, sie würde sie erwarten.
Erwartet hatte sie Maya. Mit halb geöffneten Armen zwar, aber manchmal ist die Hälfte eben alles, was man kriegen kann. Mit einem besorgten Funken in den Augen, aber Sorge ist niemals eine Fremde – wer sonst bleibt freiwillig so lange zum Tee? Normal war es nie gewesen, flüstert der Koffer im Gepäcknetz, als der Bus sich durch die Straßen schlängelt wie eine hungrige Schlange auf der Suche nach Beute. Vorm Fenster stehen schon vereinzelt Leute Spalier und betrachten Maya wie eine Fremde. Wie die Miniatur einer gerade erst entdeckten, neuen Galaxie. Maya friert und ist nicht sicher, ob das am Münchner Klima liegt. Zweideutigkeiten unbedingt erwünscht. Aber gefroren hatte sie ja vorher auch, das bestätigt ihr wieder das sprechende Gepäcknetz – gefroren hast du, wie du da lagst, der Sand so warm auf deiner Haut und sein Blick verloren im Vulkan-Horizont. Und jedes leise Wort war verklungen, geschluckt vom Meer. Das Meer … immer öfter glitt sie hinein, selbst wenn sie nicht einen Fuß auch nur in die Richtung setzte. Das Meer. Das würde sie vermissen, die perlenden Wellen, die manches Mal ihr Gehör verstopft hatten. Zu ihrem Besten. Sie wusste und weiß, es war nur zu ihrem Besten gewesen. Die Erinnerung daran macht sie nervös. Erkennen schaut mal wieder vorbei und gibt ein Referat zum Besten. Sie hätte längst … wie hatte ihre Schwester noch gesagt? Und was treibt sie wohl jetzt. Ausgewandert. Maya lächelt, aber eigentlich schreiend. Der Koffer hatte mit seinen erbarmungslosen Berichten aufgehört. Vielleicht war er eingeschlafen. Maya reckt sich. Sie kann nicht mehr schlafen. Aber das ist nicht metaphysisch – sie ist einfach nicht müde.
Ihre Endstation lächelt sie von hinter der Kurve an. Seltsam, wie schnell alles wieder „wie früher“ ist. Die Straßen, Gässchen, die verschlafenen Leute. Sogar der Radiosender, der den Busfahrer unterhalten soll, unterhält sie mit den Liedern ihrer Teenie-Zeit. Eine merkwürdig-warme Schwäche überkommt sie, als sie ihren Schalenkoffer wieder aus dem Gepäcknetz hebt. Sie hatte an keine Botschaft gedacht. In ihrer Wohnung dreht jemand anders an der Nachtspeicherheizung, und ihre Freunde … ein Reigen entfernter Gesichter, auf der Reise zu sich selbst, die durch die Welt führt. Maya steht vor einer alten Haustür. Nicht alt im eigentlichen Sinne – alt für sie, in einer Vergangenheit, die noch weiter entfernt liegt als die Puzzleteile, die sie in den letzten 5 Stunden vom Herzen in den Kopf zurück ins Herz geschoben hat. Schwer erscheint der Koffer jetzt. Schwer die Worte, die nicht vergessen werden können.

Jedes Ende ist ein Anfang. Vielleicht ist das der einzige gerade Gedanke, den sie überhaupt noch denken kann …