Girlfriend in Africa.

Es sind die kleinen Episoden, die das Leben anfüllen. Es sind kleine Einritzungen in Baumrinden auf dem Weg zur Arbeit, winzige Mulden im Weg, von denen Füße magisch angezogen werden, es sind die geringen Elemente, die aus Nichtigkeiten Achterbahnfahrten machen. Während er noch auf dem Weg in die Schule war, hatte sich bereits eine Wolke hinter ihm aufgetürmt und aus den Trübsinnigkeiten, die der graue Novembermorgen mit sich schleifte wie festgetretenes Strandgut, einen Ballen Schwüle und drückende Luft geformt. Der Weg unter seinen Füßen knirschte wie Sand, und Feuchtigkeit perlte auf seinen Lippen mit schweigender Eminenz. Fröstelnd zog er den Kopf ein, seine Hände gruben nach Gold in seinen Jackentaschen und seine Nase spielte Regenwolke, weil er nie Taschentücher dabei hatte. Er hatte einen Brief bekommen.
Der Duft des Umschlages war ihm schon auf der Straße in die Nase gestiegen, warm, weich, sonnig, wie Kokosmilch und Tang, die sich in seinem Briefkasten zusammenschlangen, um sich gegen die Kälte zu schützen. Fünf Sätze waren in schlanker Schrift auf sehr dünnem Papier geschrieben worden, fünf Sätze, die ihn das Zittern seiner Hand beim Öffnen des Umschlages vergessen ließen, fünf Sätze. Heimat schwang nicht darin mit, vielleicht ein wenig Nähe, nur ein bisschen Erinnerung an eine Flaschenpost und ein vages Gefühl von Freiheit.
Auf dem Weg in die Schule, die bereits wie ein riesenhafter Bauklotz vor ihm lag, verirrten seine Gedanken sich auf der Suche nach Bildern in seinem Kopf und konnten nichts zusammenbringen, was die letzten Puzzleteile hätte verbinden können. Verfluchter Regen, spülte sogar das Innerste hinfort und riss es mit sich in einem Strudel aus Verflüchtigung. Hinter der Eingangstür öffnete sich der Schlund der Hölle. Nebelschwaden aus den Waschräumen, schreiende Drohung und ein Wirrwarr aus Ich-habe-keine-Lust-ich-hasse-alles. Der Brief lag auf seinem Küchentisch, zärtlich mit einem Kaffeefleck verziert, an den Rändern gewellt – von Feuchtigkeit und seinen Tränen. Der Morgen schlich so leise um ihn herum, als habe er Angst, den Traum von verzauberter Nähe und Bedingungslosigkeit zu stören. Nichts durfte an der Balance rühren, niemand durfte sie stürzen. Sie dehnte sich aus wie roséfarbener Dunst und legte sich auf die Couch, auf das zerwühlte Bett, auf die Zeichen von Trauer und abgenutzter Poesie.
Trübsinnig gähnten die Klassenräume ihn an. Eine letzte Zigarette im Lehrerzimmer und die banalen Worte seiner Kollegen legten sich um ihn – Zwangsjackengefühl, Erinnerung an stumme Nachmittage in einem hell eingerichteten Praxisraum – Lösen Sie sich von all dem Ballast und den dunklen Tagen ihrer Vergangenheit –, er hatte keine Angst mehr. Die Panik war in einem Papierschiffchen den Rhein herab geschwommen, Abschied von dem tauben Gefühl der Unmöglichkeit. Alles war möglich. Er las es in dem Brief. In seiner sanften Metaphysik, die sich zwischen den Zeilen entfaltete wie ein tonloses Geräusch scharrender Füße. Was auch immer das hieß. Mit Poesie kam er nicht weit, die Kinder lasen nicht gern Schiller, Goethe, nicht einmal Krausser, alles, was er versucht hatte, war an den kahlen Wänden der Klassenzimmer zerrieben, unter den unruhigen Turnschuhfüßen in den Gang getragen worden. Abschied nehmen hieß auch zusehen, wie etwas entschwand, ohne sich zu regen, ohne etwas zu tun. Stilles Hinnehmen. Zu seinen Füßen staubte splitternde Kreide, in der letzten Reihe hörte er ein Handy piepsen, er drehte sich nicht um, blickte nach unten, während er eine Reihe Namen an die Tafel notierte. Idealisten, Poeten, letzte Bastionen – es war doch egal, ob er sich dabei verschrieb. Kurz bevor die Klingel zur Pause rief, drehte er sich halb zur Klasse. Einige wenige blickten in ihr Buch, die Hälfte von ihnen hatte die richtige Seite aufgeschlagen. Der Schimmelreiter ist eine Gruselgeschichte, nur viel altmodischer als das, was heute als Grusel gilt, hörte er sich sagen. Zwei Schüler in der ersten Reihe blickten ihn an und er erkannte Erkennen in ihren Augen. Dann standen sie auf und stürmten hinter den anderen her.
Fünf Sätze schlangen sich um seinen Hals, legten sich auf seine starren Hände, die lange nicht mehr geschrieben hatten, jedenfalls nicht zum Vergnügen, jedenfalls nicht wie früher. Den Vorwurf nahm er nicht nur zur Kenntnis – er hatte aufgegeben, den Wörtern in seinem Kopf Gehör zu schenken, er hatte aufgehört, sich zu öffnen, nachdem all die Dinge in ihn geprasselt waren; Kritik, Angst, Psychosen der anderen, Interpretationen und die Halbwahrheiten des Feuilletons. Zu viel. Das war schon viel zu viel. Er durfte nicht tiefer in diesen See hineingleiten und Analyse säen. Es kämen keine guten Seerosen dabei heraus.

Der Brief auf dem Küchentisch schien mit seiner Umgebung verwachsen zu sein. So war er leichter zu vergessen. In der Normalität des Normalen verwischen sich die Grenzen so schnell, dass es schwer fällt, sich selbst in einem Stacheldraht verwickelt zu erkennen. Das wusste er. Er wusste es auch noch, als er das Ticket auf den Tisch legte und die Frau am Schalter ihr Lächeln anknipste. „Going to Africa, Sir?“

Ich habe etwas verloren. Es ist in den Weiten der Vergangenheit gestrandet. Manchmal sehne ich es in den Walgesängen herbei, die ich glaube, an den Küsten zu hören. Die Städte geben allem einen wüsten Anstrich, aber das Land ruht nach wie vor auf den Weiden. Ich weiß, dass es noch nicht vorbei sein kann – dass es nicht vorbei sein wird.

Girlfriend in Africa