Die Amsel.

Wenn es keine Wörter mehr gibt, denen man sich willenlos, mit geballter Freude und aller inneren Trauer hingeben kann, wird die Welt schmaler. Und manchmal verlieren wir uns in dem, was selbstverständlich war, bis es abhanden kommt.

Die Amsel hat sich auf ein Baugerüst zurückgezogen. Dessen Holzbretter waren natürlich genug und doch nicht mehr Baum. Die flatternde Plane war das richtige Geräusch aus falschem Material. Plagiat des Baumes. Plagiat ihrer Welt. Abwechselnd reckt die Amsel ihre Flügel zu beiden Seiten und ertastet hopsend den Untergrund. Schweigend. Den Gesang zurückhaltend. Stumm.
Ginge man davon aus, dass sich ein Geist in Tieren regte, käme man vielleicht darauf, dass es sich um eine revolutionäre Amsel handelte. Vielleicht war dies Verweigern, dieses Verstummen ein politischer Akt, ein Aufbegehren gegen Konformen und gegebene Gesetze. Denn wer sagte, die Amsel müsse singen? Wer maßte sich an, ihr etwas vorzuschreiben, ausgerechnet ihr, die im letzten Sommer an den Straßen der Großstadt gerüttelt hatte mit ihren tapferen Lauten – „Ich gebe mich nicht geschlagen! Ich habe die gleichen Rechte wie ihr!!!“ –, die es gewagt hatte, ihren Schnabel gegen die bunten Glasfenster der Kirchen zu schlagen mit einem markerschütternden Schrei, mit tollkühner Schnelligkeit und Schlachtrufen gegen den Zwang. Niemand könnte ihr etwas befehlen! Auch nicht das Singen. Und weil sie so tapfer und mutig war, hatte sie sich hier, weit weg von ihren Artgenossen und dem stupiden Singsang auf dem Baugerüst – Symbol für ehrliche Arbeit – niedergelassen.
Langsam öffnet sie den Schnabel ein Stück und rollt mit ihrer Zunge. In einer beinah stupiden Wiederholung klappt sie den Schnabel auf und wieder zu, als meditiere sie oder trainiere den Kiefer.
Brauchten Amseln Gesangsunterricht? War sie vielleicht doch nicht so revolutionär, sondern heiser, weil ihr Coach sich auf die Suche nach einer Frau gemacht und ihre Kunst zurückgelassen hatte, blind vor Begierde und drückender Einsamkeit? Und nun das. Erniedrigend, auf diesem Baugerüst zu sitzen, geradeaus zu starren und den Schnabel in einer unendlichen Bewegung auf- und wieder zuzuklappen im Takt der flatternden Plane, weit weg von allen Zeugen, allen Gleichaltrigen, die wussten, dass sie den Kurs nicht hatte zu Ende machen können. Welch Drangsal erwartete sie da, umgeben von talentierten Sängern, die sich in den höchsten Wipfeln zur Schau stellten und natürlich die besseren Chancen hatten. Bei Frauen. In der Zukunft. Die Amsel war noch jung und unbedarft, aber auch sie hatte davon gehört – dass Frauen auf Gesang hereinfielen, je lauter und kräftiger, desto besser. Und auch von der Bestimmung hatte sie gehört. Davon, dass alle Amseln eine Aufgabe zu erfüllen hatten, einen höheren Lebenszweck, der auch mit Frauen zu tun hatte, und unter anderem darin bestand, sich zu wiederholen – reproduzieren hatten die Alten es genannt. Und wie zum Teufel sollte sie die Bestimmung erfüllen, wenn alles, was sie mit ihrer Stimme veranstalten konnte, ein heißer Hauch in die Weite des Himmels war? Wenn sie seufzen könnte, wäre jetzt der richtige Augenblick gewesen. Doch sie schloss den Schnabel und starrte geradeaus.
Eine Amsel, die sich darauf beschränkt, auf einem Baugerüst sitzend den Schnabel zu öffnen und zu schließen, ist in jedem Fall eine traurige, bemitleidenswerte Amsel. Wozu ist eine Stimme gut, die nicht erklingt? Welchen anderen Sinn könnte eine Stimme haben?
Der Schwanz der Amsel zuckt rhythmisch auf und ab und fegt ein frühreifes abgefallenes Blatt vom Baugerüst. In ihren Flügeln macht sich ein seltsames Gefühl breit, so, als wären sie lahm, schwächer. Sie reckt sie erneut in alle Himmelsrichtungen.
Vielleicht hat sie ja auch einfach keine Lust. Abgehauen aus der lauten Truppe der mit ihrer Stimme prahlenden Männchen. Wenn man den ganzen Tag umgeben war von anderen, die laut singend ihre Überlegenheit kundtaten – das konnte schon anstrengend sein. Da konnte man schon mal das Gefühl bekommen, fliehen zu müssen, nicht auf die natürlichen Aufenthaltsbäume, die ja doch nur wieder von den Angebern besiedelt werden würden – hier, auf dem Baugerüst war es ruhig und erfrischend. Keine nervigen Begleiterscheinungen. Hier konnte man seine Halsübungen machen, sich meditativ dem entrückten Schnabelklappen hingeben, endlich einmal alle Flügel von sich Strecken und die Stimme baumeln lassen. Ein weiser Entschluss, eine Erholungspause mitten in diesem rumpelnden Gewerbegebiet einzulegen, sich unter das schützende Dach des mehrgeschossigen Baugerüstes zurückzuziehen. Aber – vielleicht sind all dies nur leere Worte, Interpretation einer Dramatik, eines tragischen Unvermögens – vielleicht ist die Stimme fort, verschwunden, heute Morgen, nachdem die Amsel ihr Nest verlassen und sich auf die Suche nach einem besonders hohen, schönen Baum gemacht hatte, um dort ihre neues Lied vorzutragen. Oben in den Wipfeln, hin und her schaukelnd, von leichtem Wind gewiegt, hatte sie dann angesetzt, die Brust geschwellt und den Schwanz majestätisch erhoben, doch – wo war die Stimme? Warum glitt nicht wie sonst eine perfekte Kette runder Töne aus dem geöffneten Schnabel, wo war das Lied, das sie vorbereitet hatte? Heute sollte ein besonderer Tag werden, der Tag, an dem sie das Weibchen, dessen Aufmerksamkeit sie in den letzten Tagen bereits mehrfach versucht hatte, auf sich zu lenken, endlich einmal dazu bringen würde, ihr zuzuhören. Endlich würde es sich umdrehen, endlich würde es sie sehen, endlich. Der Traum stürzte den weiten Weg aus den Wipfeln der Bäume herab, vorbei an den kichernden Eichhörnchen und den starren Tannenzapfen. Vorbei. Fluchtartig hatte die Amsel sich auf den Weg gemacht. Noch hatte das Weibchen sie nicht gesehen, noch hatte niemand sie gesehen, noch könnte man glauben, sie sei fort geflogen, weil der Baum ihr doch nicht so gut gefiel, weil er nicht gut genug war, um dieses besondere Lied zu tragen. Eine stimmlose Amsel auf dem Plagiat eines Baumes, die den Schnabel öffnet und schließt und doch keinen Ton hervorbringen kann. Wüchse Salbei an Norddeutschen Hängen, in flirrenden Straßen der grauen Stadt, wäre dies hier letztlich doch nur zu einem weiteren Amsel-Gastspiel geworden. So jedoch bekam sogar ein wenig lobenswerter Zustand das Flair einer wunderbaren Besonderheit.
Manchmal ist die geografische Lage also doch zu etwas gut.
Die Amsel springt jetzt hektisch von einem Bein auf das andere. Ich trete näher und versuche ein Foto zu machen, wahrscheinlich regt genau das sie so auf. Nicht mal in Ruhe ausspannen, abschalten, sich verstecken oder vergessen kann man.
Als sie davonfliegt wünsche ich ihr Glück – wobei auch immer …