Am Anfang.

Frustration
„Am Anfang war die Dunkelheit“, raunte er mir ins Ohr und ich murmelte etwas vor mich hin, was ich selbst nicht verstand, vielleicht war es auch nur in meinem Kopf, wie seine Stimme nur in meinem Kopf zu klingen schien. ‚Am Anfang war die Dunkelheit’ – eine Aneinanderreihung von kleinen silbrigen Lauten, die einen Widerhall bilden und sich vermehren, wie das Echo in den Bergen meiner Kindheit. Ich öffne ein bisschen meine Augen, grelles Licht dringt hinein. Keine Dunkelheit also. Sein warmes Gesicht liegt neben meinem Haar und regt sich nicht. Seine Augen sind nicht geschlossen, nur leer, als würde er mit offenen Augen schlafen. Keine Geschichten mehr. Langsam dreht er sich um und sieht zum Fenster. „Hell“, sagt er. Wie fade war dieser Tag, wie leer schon der Morgen. Noch vor einem Moment waren seine Augen meine gewesen. Jetzt war alles fremd. Und ich war die Fremde.

Strange – Thought I knew you well – Thought I had read the sky – Thought I had read a change in your eyes – So strange - Woke up to a world that I am not a part except when I can play its stranger.
Die erste Morgenstunde ist vorbei und das Gold ist aus dem Himmelsmund verschwunden. Wenn der Himmelsmund bei mir wäre, seufzt er schweigend und erinnert sich an ihre spanischen Worte, die immer wieder durch seinen Kopf flattern, wie aufgebrachte Schmetterlinge, mariposas heißen sie, hatte sie gesagt und getanzt, in einem imaginären Kreisel. Ma – ri – posas.
Deswegen nannte sie alles Mari, Menschen, die sie mochte und Dinge, die ihr gefielen. Aber das hatte er nicht von ihr, sondern aus ihrem Tagebuch, das er heimlich nachts las, wenn sie schlief ...
Sie ging wie ein Engel durch seine Wohnung, leise, aber schnell, sanftmütig, aber energisch. Und stets für zu kurze Zeit, stets war sie fort, bevor er sie richtig gesehen hatte. Sie schlief in seinem Arm und war fort, er spürte ihrem Körper nach, der nicht da war, der sich an einem anderen Ort befand. Manchmal ging sie im Schlaf durch geheime Räume, in denen wundersame Dinge geschahen, die sie genoss, aber derer sie sich schämte. Sie zeichnete sie in ihrem Tagebuch nach, bedächtig, Wort für Wort, als würde sie alles neu leben, als wäre schon ein Wort genug, sie zu befreien und ihr zu geben, was er nicht gab. Fremde Namen standen in ihrem Tagebuch, er hatte sie gelesen, ohne Gesichter zu ihnen zu kennen, vielleicht kannte sie die Gesichter nicht mal; sie trugen Namen von Göttern, die in ihm nur dunkle Räume bewohnten. Manche waren traurig, Namen für Orte und Dinge, derer sie sich befreien wollte. Er hatte versucht, schöne Worte zu sagen, doch sie bedeuteten nichts, trafen sich wie Kinder ferner Verwandter, die sich nichts mehr zu sagen hatten und ihre Kinder reden ließen. Und nichts was er tat hatte noch Gewicht.

Aggression
Wenn man sich umsieht, werden plötzlich alle Dinge groß – alles ist so schrecklich normal. Wenn man sich in die Schlange an der Kasse stellt, werden die Regale bunter, vielleicht packt sie ein unsichtbarer Troll immer voller mit schillernden Gegenständen, bunten, exotischen Blumen, Bildern von traumhaften Stränden und schönen Menschen, die in die Kamera lächeln wie Gewinner einer Quizshow.
»Das Kreuz ist ein fest verankertes Symbol im Christentum, an das aus gegebenem Anlass gerne erinnert wird« gibt es dort auf Packungen von Supermarkt-Kettchen zu lesen und mir gehen die Augen über. Doch ich sehe keinen Troll. Ich starre, bis mich die Kassiererin anspricht und darauf hinweist, dass ich die zerknüllten Taschen im Einkaufswagen hoch heben müsse, um zu beweisen, dass diese lausige Auswahl auf dem Laufband wirklich alles ist, was ich mit nach Hause nehmen will. Der nicht sichtbare Troll, das Kreuz, das mir keinen Anlass bietet, mich zu erinnern, machen mich wütend. Plötzlich scheint die Kassiererin meine Feindin zu sein wie die ganze Welt ein Feind wird, weil ich sie nicht mehr teilen kann. Meine Einsamkeit wirft mit Steinen nach mir und ich balle die Faust. Er wird zu einer Sünde und ich versündige mich, denn ich mache die Kassiererin verantwortlich – das fest verankerte Symbol, an das gerne erinnert wird – Erinnerung, darauf läuft es hinaus.

It comes down to this – Your fist – Your strain – It gets under my skin – Within – Take in – The extend of my sin
Vielleicht war all sein Denken und Sehnen nur eine weitere Illusion, ein heimlicher Traum, der ihm vorgaukelte, real zu sein. Er war nicht er selbst, vielleicht spielte er eine Rolle, von der er nichts wusste. Sie hatte ihm diese Rolle gegeben. Und jetzt hatte er den Text vergessen und war zum Statisten geworden. Eingeschlossen in seiner Wut und seiner verzweifelten Liebe. All diese Vielleichts, die ihn nicht losließen; „Denk uns“, schienen sie zu sagen, „Wir wissen, was du willst: du willst nicht wissen was du willst“, flüsterten sie ihm ein, Tag für Tag, wenn er die Stunden zählte, die Einzelheiten ihres Daseins, ihres Alltages, der so alltäglich war. Keine Träume und keine geheimen Codes, die nur er kannte und nur sie verstand. Nur ein Spiel, das sie spielte, auf einem Brett, auf dem sie ihn herum schob, eine kleine Figur in einer anderen Welt, Tagebuchwelten, von denen er nichts wissen durfte. Keine Götter, keine mariposas, nicht für ihn. Er hatte ihre Notizen gezählt, die sie bewachte wie einen Schatz, viele kleine Worte und Gedanken auf vielen kleinen Zetteln – aber sie waren nicht für ihn. Er hatte ihr Lächeln gesehen, wenn sie mit Fingerknöcheln rhythmische Melodien an die Fensterscheibe klopfte. Aber sie waren nicht für ihn. Und wenn das, was sie gab und was sie so liebte, nicht für ihn war – war er dann überhaupt für sie?

Resignation
Auf der Strasse kreist mich ein nach Bier stinkender Penner mit seinem Zigarettenrauch ein. Leichte Kringel, die mir in die Nase steigen, mich umnebeln und mir vorführen, dass alles in dieser Welt kreisförmig ist. Meine Beziehungen drehen sich auch im Kreis. Die Stimme der Nachbarin im Treppenhaus ist schneidend. Ihre Welt ist angefüllt mit schillernden Materialien, in die sie sich hüllt, und schweren bronzenen Gegenständen, die sie sammelt. Manchmal, wenn der junge Mann von unten Musik spielt, fragt sie im Vorbeigehen nach dem Titel, codiertes Interesse für die Quelle ihrer Kopfschmerzen, Insomnia-Sorgen, das Übel an der Wurzel packen. Diesmal nicke ich ihr zu, eine alte Bekannte in dem Chaos durch das ich heimlich schwimme. Ich ziehe den Schlüssel aus der Manteltasche wie einen kostbaren Schatz und schließe vorsichtig die Tür auf. Das Wohnzimmer gähnt mich an; ohne dass ich ihn sehe, weiß ich, dass er da ist. Wie alles verschwimmt, wenn es vertraut ist. Ich kann die Bilder, die an meiner Wand hängen, nicht zeichnen, denn ich kenne sie nicht mehr. So wie sein Nagel mit der Wand verwachsen ist in all der Zeit und es macht nichts mehr aus. Ich wende mich ab um die Einkäufe zu sortieren. Alles ist gleich, schwarz – die Farben sind absorbiert.

All the pictures have all been washed in black, tattooed everything… - All the love gone bad turned my world to black - Tattooed all I see, all that I am, all I'll be...
Er ist sich sicher, dass er ihr Bild gut aufbewahrt hat, er sucht es nicht, denn es ist ja an einem sicheren Ort. Es war ihm überlassen, den Tag anzufüllen, durch all die leeren Stunden zu gehen und am Abend sagen zu können, es waren keine leeren Stunden gewesen. Denn die Tage waren es wert, sie verdienten es, genutzt zu werden. Man konnte niemals wissen, was für neue Türen sich öffneten. Vielleicht ging sie heute durch eine neue Tür, eine Tür, die er nicht sah, und vielleicht warteten dort die Orte auf sie, denen sie so freundlich in ihren Träumen begegnete. Vielleicht kehrte sie nicht zurück, weil dort die Götter aus ihrem Tagebuch einen Empfang für sie vorbereitet hatten. Er suchte beinah sinnlos in ihren Worten nach sich selbst. Er hatte immer nach sich selbst gesucht, als er sie dabei fand, glaubte er, er hätte endlich die Tür zu seinem Leben aufgestoßen. Er hatte sie nur angelehnt, denn man wusste es nie, diese Türen waren eigen, sie schlossen und öffneten sich ohne ersichtlichen Grund, waren sie aber erst mal geschlossen, war es schwierig, sie von innen zu öffnen, denn sie hatten nur von außen eine Klinke. Irgendwann, er konnte sich nicht erinnern wann, hatte sie die Tür zugeschlagen. Er hatte vergessen, warum sie das getan hatte. Aber sie hatte ein Schlupfloch entdeckt, in dem sie sich sicher zu fühlen schien, und der gemeinsame Raum war größer und leerer geworden, als er sich darin umgesehen hatte.

Zirkulation
Ich sehe mich zu selten um. Ich nehme zu selten die Ganzheit der Dinge wahr. Ich kann mich nicht entscheiden, ich gehöre zu denen, die nicht sein wollen wie die anderen und es dennoch sind – jeder Fehler ist mein Fehler. Er sieht mich an, als wäre ich aus einem Geheimgang aufgetaucht und würde ihm Gold hinhalten, das ich gefunden hatte, aber nicht vorhatte, mit ihm zu teilen. Seine Augen sind groß wie die eines Kindes und ich erinnere mich an Vergangenes, Leichtigkeit und Einigkeit – doch es ist vorbei. Ist das nicht schon wieder nur ein kleiner Trampelpfad, der mich in die Irre locken soll? Ich weiß, dass Worte helfen würden, die Worte aus meinem Tagebuch, die Worte, die ich hinuntergeschluckt und vergessen hatte, die ich in kleinen Kästchen in meinem Kopf vor ihm versteckt hatte, aufbewahrt doch ignoriert. Und ich kann sie nicht sprechen, denn ich kann den Text nicht auswendig und das Drehbuch ist nicht zur Hand. Der Film ist vorüber und ich drücke mich in den Sessel, starre den Abspann an, denn ich will die Illusion nicht aufgeben, auch wenn nichts mehr zu sehen ist, was mich verzaubern könnte. Wie verlorene Schmetterlinge ziehen die Worte auf der Leinwand vorbei; fremde Worte, die mich am Kragen packen und in meine Augen strömen wie surrende Indianerpfeile …
Verdreh dir deinen Kopf – es ist überall um dich herum.
Alles ist voller Liebe. Alles um dich herum ...

Twist your head around – It’s all around you – All is full of love – All around you
Wenn er genau hinsehen würde, dann fiele es ihm auf. Aber er verschloss die Augen, weil es ihm einfacher vorkam und weil er seine Angst besiegen wollte; Angst vor Göttern, Träumen, verbotenen Orten, Einsamkeit in Räumen ohne Türen. Sehnsüchte, die unerfüllt und heilig blieben, schwarz bemalt, leer.
Ihre Blicke trafen sich, doch er sah sie nicht, er sah nur sich in einem Strudel, nur sich in einem Spiegel, der stumm seinen Blick auf ihn zurück warf. Würde er versuchen zu verstehen, würde sie hören, was er sagte, wenn er ihre Worte, ihre heimlichen, behüteten Worte sprach. Sie wusste nicht, dass er ihre Notizen kannte, die Tagebuchseiten, oder ahnte sie es, hörte sie es aus seinem Schweigen heraus. Hatte er nicht all die Jahre geschwiegen, verloren in Worten von Fremden, in denen er Heil suchte – er hatte auch in ihren Worten sein Heil gesucht, hatte er nicht sie ebenso benutzt wie er glaubte, dass sie ihn benutzte um ihren Film zu füttern. Konnte er denn in ihr alles finden.
War nicht alles Sinnfindung. Waren nicht alle Worte die richtigen?

Alles ist voller Liebe. Alles um dich herum.


Songtexte: Tori Amos – Strange; Nine Inch Nails – Sin; Pearl Jam – Black; Björk – All is full of love