Das Band.

Ich wollte immer organisiert sein, ordentlich, beinah penibel.
Mein Plan war stets, all meine Notizen zu datieren, mich an die Umstände ihrer Entstehung zu erinnern und diese als Randnotiz zu vermerken, um einen Überblick über meine Worte und mein Werk zu behalten. Ich redete mir ein, dass meine Arbeit zuerst ein gewisses Chaos benötigte und dass ich später, nach erfolgreichem Abschluss, alles sortieren würde. Bei jedem Umzug – und Umzüge bildeten Ketten in meinem Leben – sammelte ich manchmal tage- sogar wochenlang lose Zettel ein. Später wollte ich die darauf angehäuften Phrasen, Facetten, Bilder in extra dafür angeschaffte Schulhefte übertragen. Mit dem Zusammentragen meiner Worte war ich so lange beschäftigt, dass ich es nicht schaffte, rechtzeitig die anderen Mosaiksteinchen meines Besitzes zu verpacken, sodass ich schließlich einfach alles in verschiedenen Taschen verstaute, die ich dann an neue Wohnorte brachte, über lange Strecken auf verlassenen Straßen. Ich nahm mir vor, in der neuen Wohnung alles zu sortieren; dort würde ich die lang ersehnte Ordnung schaffen und einen Überblick bekommen. Weil die neuen Wohnungen mir lange fremd schienen und man in der Fremde gut daran tut, alles Bekannte und Geliebte zusammen- und in seiner Nähe zu halten, bewahrte ich meine Notizen lange Zeit in ledernen Reisetaschen auf, die ich in der Nähe meines Bettes platzierte.
Wurde mir die Wohnung langsam bekannt und vertraut, schloss sie sich so eng um mich, dass ich sie verlassen musste. Ich verschwand auf den großen Plätzen der Städte, die ich bewohnte, ließ mich von den Menschen in den Cafés verschlingen und machte sie durch meine Augen zu meinem Eigen.
Die neuen Notizen bekamen einen eigenen Platz in meinem Heim – unmöglich, sie zu den vertrauten Schriftstücken und der Vergangenheit in den Reisetaschen zu legen. Ich stapelte sie neben den Schulheften übereinander und ließ sie auf meinem Tisch liegen, bis – ja, bis ruhigere Zeiten kommen würden, Zeiten, in denen ich mit der Stadt und der Wohnung so verwurzelt sein würde, dass alles, was jetzt auf knittrigen Notizzetteln und Rückseiten von Quittungen mit schneller Hand festgehalten worden war, in die Schulhefte übertragen und datiert werden konnte.
An manchen Abenden, an denen ich vom Wein und der Lust der Städte beschwingt in meine Wohnung zurückkehrte, starrte ich auf die Schulhefte, die mit dem Tisch zu verwachsen schienen, schlug hier und da eins auf, strich über die leeren, unschuldigen Seiten und wartete auf den Moment – doch er kam nicht. Und ich spürte, wie die Wohnung sich enger um mich zog, die Tapete langweilte mich und der Lärm vor der Tür klang wie ein anschwellender Vorwurf, den ich zu oft gehört hatte. Mitunter schien es mir, als flüsterten die mürben Zettel in der Reisetasche miteinander. Um zu verstehen, was sie sagten, zog ich den rostigen Reisverschluss auf und meinte, sie durcheinanderwirbeln zu sehen, all die Wörter, alle Fragmente fügten sich zu einem drohenden Mosaik zusammen und ich schloss die Tasche und die Augen, zog mich zurück und versuchte, zu schlafen.
Schon bald bedrängten mich die neuen Wohnungen so sehr, dass ich sie aufgeben musste. Wieder packte ich flüchtige Taschen, sammelte Zettel verschiedenster Größen zusammen, kaufte neue Reisetaschen, räumte Neues zu Altem und vergaß.
Auf der Suche nach einer Stätte, an der mein Herz zu Hause wäre, reiste ich an neue Orte. Doch bot sich mir dasselbe Bild. Die Schulhefte sahen schäbig aus – je trauriger, desto fremder – und ich verschmähte sie zunehmend. Die Reisen hinterließen überall Spuren. Als ich wieder einmal an einem neuen Ort angesiedelt hatte, bot mein Verleger mir an, eine junge Frau einzustellen, deren Aufgabe es sein sollte, meine Notizen zu verwalten, sie zu datieren und in einer Kartei anzulegen, die ich jederzeit einsehen und aus der ich mich zu jeder Zeit bedienen könnte. Zu jener Zeit arbeitete ich an einem Buch, das sich über verschiedene Zettel erstreckte und in einer Umhängetasche von mir herumgetragen wurde. Zunächste zeigte ich dem Mädchen meine Reisetasche und gab ihr von meinem besten Rotwein zu trinken. Den Tanz der Wörter – den ich so oft bestaunt hatte – bemerkte sie nicht. Vielmehr schien sie ein Gefühl von Verwahrlosung zu beschleichen, das sie gleichsam anziehend fand. Meine Schönheit war es nicht – vielleicht meine Einsamkeit –, sie nannte es Genie. Sie begann ihre Arbeit mit derselben Beflissenheit, mit der sie meinen Wein kostete und auf meine Nähe reagierte und ich ließ sie gewähren, auch wenn sie mein Werk nicht begriff. Wir liebten uns leise und unauffällig, je weicher sie wurde, desto weiter entfernte ich mich, doch es bestürzte mich nicht und so fuhren wir fort. Ich bat sie, mein Buch zu tippen und es zu korrigieren, während meine Finger ihren unterernährten Brustkorb befühlten. Sie schlug vor, all mein Papier, wie sie es nannte, zu sichten und zu sortieren und die von ihr als Genius bewerteten Fragmente gesondert aufzubewahren. Kurz darauf rief ich meinen Verleger an und sagte, ich ließe ihn bald meine neue Adresse wissen und bräuchte auch keine fremde Hilfe mehr.

Mein Leben ist eine Wanderung. Ich habe oft behauptet, ich bräuchte die Inspiration, doch die Wahrheit ist, ich muss fliehen. Fliehen vor der Wahrheit, vor dem, was ich zu leugnen hoffe. Fliehen vor dem, was Frauen wie dies junge Mädchen in mir zu erkennen glauben, fliehen vor dem verwirrenden Genuss des Weines und tanzenden Worten auf Papier, das sich in Reisetaschen aneinander schmiegt.
In folgenden Zeiten der Ruhe, in denen ich diese Notizen in die Hände nehme, werden sie leer sein. Nichts wird mich noch widerspiegeln und Jugend wird verwundert über mein Chaos brüten und einen Eingang suchen. Vergilbte, unberührte Schulhefte werden Wegweiser in meiner Biografie sein und niemals werde ich mich an die Umstände, unter denen meine Worte geboren wurden, erinnern können.

Mein Verleger sucht sich einen jungen Zeitgeist, der seine Worte mit Sinn zu füllen versteht und das Leben nicht um eine Leere schlingt. Mein Leben blieb mir den Sinn schuldig, vielleicht nicht mit Absicht und womöglich nicht umsonst.
Ich habe immer versucht, organisiert zu sein, ordentlich, beinah penibel. Mit einem Sinn für das Wesentliche, für Liebe und die chronologische Abfolge der Ereignisse. Und langsam verlernte ich darüber das Schreiben.

(„18/03/2003: Das Band lag in einer ledernen Schatulle am ausgebrannten Tatort. Bitte fügen Sie es zu den Beweisen hinzu.“)


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