Der Beifahrer.

„Im Grunde genommen“, sagt er und streicht sich durchs Haar, „geht es darum, dass ihr euch in euch selbst auflöst. Sozusagen eine Reise in das Innere, aus der ihr nicht zurückkommen möchtet, weil sich das Bedürfnis, also das, was versucht euch zurückzuholen und euch in den Teufelskreis des Konsums zu zwingen“, er holt Luft, „also, dieses Bedürfnis, das löst sich praktisch auf und wird zu einem Schneeball, den ihr aus eigener Kraft wegwerfen könnt. Das nennt man dann im Prinzip ‚Erleuchtung’, also Erkenntnis aus eigener Kraft.“

Ich stehe auf und verlasse den Raum. Ich sehe mich im Foyer um, fühle noch seinen Blick in meinem Rücken. Niemand da. Das junge Mädchen am Empfang tippt mit leicht geöffneten Lippen eine Nachricht in ihr Mobil-Telefon und sieht nicht mal auf, als ich ein leises „Tschüss“ murmele.

Ich gehe ins Cafè und bestelle mir eine Tasse Chai-Tee (Yogi-Tee!), die ich bezahle. Leise steigt der Dampf auf. Das Café ist nicht sehr voll, ich kenne die Gründe dafür nicht, sie sind mir aber auch egal, weil ich den Chai-Tee hier sehr mag.
Ich fülle Honig hinein und sehe zu, wie er versucht in dem kleinen Berg Milchschaum zu versinken.
„Ich würde vielleicht versuchen den Berg zu ersteigen, kleiner Honig, aber damit würde ich nichts Gutes tun, nicht wahr, ich würde oben auf dem Gipfel stehen und es hätte keine Bedeutung. Nur der Honig, der auf den Tassenboden sinkt, macht Sinn.“

Auf dem Rückweg gehe ich wieder im Institut vorbei. Ich höre zwei Frauen miteinander sprechen.
„Es war so wahr, so real, ich fühlte mich total aufgelöst in mir selber, es war so tief. In mir, ich war in mir.“

Er kommt auf leisen Sohlen zu mir und lächelt mich an. Während er sich durchs Haar streicht, sagt er: „Es ist schade, nicht wahr? Schade vor allem, dass du gegangen bist und den Fluss verlassen hast ...“, er blinzelt. „Auch überaus schade, dass sie nicht gesehen haben, wo du hingegangen bist.“
Ich nicke etwas zerstreut und sage: „Ich habe mit Honig im Chai-Tee gesprochen. Na ja, es war eher so ein lautes Denken.“
Er nickt.
„Schade, dass sie es nicht sehen“, sagt er.
„Hast du noch viele Treffen heute?“, frage ich.
„Nein, sie sind alle schon verrückt.“
„Soll ich dich nach Hause fahren?“
„Das wäre ein sehr menschlicher Akt.“
Ich grinse.
„Schäm dich!“, sagt er.
„Was willst du mir von den Menschen erzählen“, sage ich und öffne ihm die Autotür.
„Ach, die brauchen mich doch, die sind doch nichts ohne mich. Hör mal, die geben sogar mit mir an, sie glauben, sie sind was Besseres durch mich.“
Er schürzt die Lippen und rekelt sich auf dem Platz neben mir.
„Und jetzt fahr mich nach Haus. Ich werde dir Nachricht schicken. Ich werde dir sagen, wer mich als Nächstes empfängt. Stress ist doch eine kommunikative Alternative zu Langeweile!“
Ich starre geradeaus und denke an den Honig, während er neben mir auf dem Sitz einschläft.