Eingeschneit.

„Wir sind eingeschneit“, sagst du.
Ich treffe dich im Morgengrauen in der Küche, in der du Konserven sortierst und Vorräte durchsiehst. Durch das Fenster strahlt weißer Schnee in den dunklen Raum, den wir seit ein paar Tagen bewohnen. Ich fürchte mich nicht. Ich setze mich an den Tisch und drehe dir eine Zigarette, der Kessel beginnt zu pfeifen und du gießt Tee in der Kanne auf. Meine nackten Zehen schlagen gegen die Tischbeine und machen ein merkwürdiges Geräusch, das dich nicht wundert.
„Wir kommen vier Wochen mit den Konserven aus. Denke ich.“, sagst du und zündest dir die Zigarette an, die ich neben deinen Teebecher gelegt habe, wie jeden Morgen. „Ich mache mir keine Sorgen. Hat ja auch was Romantisches.“, sagst du inhalierend und lächelst mich verschwommen durch den Rauch an. Ich ziehe mir Strümpfe an, der Schnee leuchtet, obwohl keine Sonne scheint, ich notiere das Datum in mein Tagebuch mit dem Wort ‚Eingeschneit’ und friere.
„Was machen wir, wenn alle Bücher ausgelesen sind?“, fragst du denkend, man soll erst denken und dann sprechen, ich blicke auf den Stapel Bücher, der sich im ganzen Zimmer verteilt und bezweifle, dass er in vier Wochen ausgelesen ist. Sicher auch nicht in sechs und bis dahin sind wir nach deiner Rechnung verhungert.
Wir sitzen am Kamin, der auf Sparflamme lodert, genug Holz für vier Wochen haben wir nicht, aber „das wird schon gehen, mach dir keine Sorgen, wir gehen mit dem Holz sparsam um, zieh dir meinen Pullover an.“, sagst du; ich friere. Ich mache mir keine Sorgen um das Essen, auch nicht um die Bücher, nur wenig um das Holz. Ich friere. Ich denke an Spanien, an Atlantischer Ozean, an Lavendel im Sommer in Frankreich, an Saunagänge in Finnland. Du rauchst eine weitere Zigarette, ich weiß nicht, ob der Tabak reicht, du sagst darüber nichts, aber ich sehe dich zählen, ich frage nicht nach. Ich wickele mich in eine Decke.
Der nächste Morgen ist düster, der Schnee macht Geräusche, über Nacht haben sich Eiskristalle an die Fenster gemalt. Ich zeichne sie mit dem Finger nach, du liest rauchend, ich koche Tee, aber sehr dünnen. Wir blicken durch die Fenster nach draußen, deine Hand berührt meinen Nacken und ist warm, weil du Feuer gemacht hast. Es riecht nach Holz, nach Rauch, nach Zigaretten, nach dir. Ich erkenne deinen Geruch wieder, er mischt sich aus den anderen, ich schmecke ihn noch auf den Lippen, als du wieder leise schläfst. Der Tag steht auf der Schwelle, der Schnee lässt ihn nicht herein. Ich lese, aber die Worte verschwimmen zu bedeutungslosen Bildern, ich starre ins Feuer. „Ich habe versucht, die Tür zu öffnen“, sagst du, „aber sie wird vom Schnee zugehalten.“ Darüber lächelst du, als wäre es eine gute Geschichte für eine Party.
Ich frage mich, ob wir je wieder auf Partys gehen werden, ob wir je wieder Gelächter ausgelassener Menschen hören werden, ob wir je ins Leben zurückkehren können. Ich spüre, wie jeder Schritt vom Schnee abgefedert wird, der Schall verläuft sich in Schneewehen, das Knistern des Feuers wird verschluckt, sogar das Blättern der Seiten deines Buches wird verschlungen, und ich sehe dich wie durch eine Panzerglaswand. Du summst leise ein Lied aus alten Zeiten, „erinnerst du dich noch?“. Sehnsucht hebt den Blick zur Decke. Du erzählst Geschichten von früher, von der Zeit vor dem Schnee, von uns.
Tage schweigen uns an, besuchen uns kaum, ich warte, sehe aus dem Fenster, doch da ist nur Schnee.
Wenn ich keine Kinder bekomme, wird nie jemand über mich sagen, dass Mama schön ist, dass Mama Goethe so liebt, dass Mama so gerne am Meer spazieren geht.
Wenn ich den Horrorfilm mit dem Geist auf dem Dachboden nicht gesehen hätte, klänge der Wind im Gebälk für mich nicht wie Schritte.
Wenn ich nicht mit dir eingeschneit wäre, würde ich Schnee nicht kennen.