Das Märchen vom Glück.

Es ist so:
Hier sind wir alle: Unabhängige Individualisten auf der Suche nach dem kleinen Glück. Nicht unbedingt dieses tiefe Glück, das sich manchmal lächelnd, manchmal heftig atmend aus unserem Inneren zwängt, nein, lieber ein Glück, das von sich aus an unsere Tür klopft und uns an die Hand nimmt. So.
Hier sind wir alle, kleine surrende Köpfe in einem viel zu kleinen Raum



und das Glück, auf das wir warten, wabert lächelnd um die Außenmauer.



Aber – sieht es uns nicht? Will es nicht hereinkommen?
Nein.
Will es nicht
Im Gegenteil, es zieht sogar ein Haus weiter, vielleicht sogar eine Stadt. Da kann man schon mal mit dem Glück hadern – „Wie kann es das nur tun? War ich etwa nicht nett genug? Habe ich mich nicht doll genug angestrengt? Warum kommt es nicht herein, warum zieht es an mir vorbei, das böse, tückische, ungerechte Glück?“. Und während der Raum zu brodeln beginnt, und kleine surrende Punkte zu einem dröhnenden Fleck werden



liegt das Glück lächelnd in der Handfläche des Mutigen, der den höchsten Berg ohne Haken und Ösen erklommen und sich dann ins tiefste Tal herabgestürzt hat.



Und manchmal gehe ich vor die Tür, klettere auf einen Baum und sehe mich um. Und wenn ich gut gelaunt bin, springe ich vom Baum auf den Hang des Berges und klettere ein Stück hinauf. Und der Berg reckt sich und öffnet ein Auge. Dann blickt er mich an und wundert sich über mich – dieses kleine, schutzlose Menschenkind. War sie nicht eben noch bei den anderen in diesem Raum?



Jetzt klettert sie hier herum und wird tollkühn und … dann springe ich. Und ich lande etwas unglücklich, manches Mal habe ich mir schon die Knie aufgeschürft und den Fuß verknackst. Das Herz gebrochen und sogar gefährliche Hirnkäfer eingelassen.

Aber meistens na ja … es geht schon … –

… und ich komme drüber hinweg.

Und dann, dann schwebt es vorbei, das Glück, mit seinem strahlenden Lächeln, und setzt sich ein bisschen auf meine Schulter …

… und ich kitzele es mit meinen Haaren. Wie ein Kind stehe ich in der Sonne und kneife die Augen zu und blinzele nach oben, ohne etwas zu sehen und sehe doch mehr als jemals zuvor.


So geht die Geschichte des Glücks.
Und wie der Bergsteiger vor mir und die tollkühnen Abenteurer nach mir, frage ich mich nicht den Bruchteil einer Sekunde, ob derjenige, den das Glück zurückgelassen hat, um sich auf meiner Schulter an der neuen Sonne zu wärmen, vielleicht traurig ist.
Nein. Dazu habe ich einfach keine Zeit …