Famous last words.

Tut mir leid, dass die Strategien versagen, dass die Freuden weniger werden, jetzt, da du dich durchgesetzt hast. Nebel auf den Straßen lenkt nicht von den Flüssen ab, die sich aus Rinnsalen zusammengefunden haben. Wir wandern. Die Menschen sind nicht das Endziel, nicht die Krönung, nicht die letzte Errungenschaft. Aber ich kenne das Ende nicht. So wenig wie dich.

Mehr war nicht zu sagen gewesen. Die Schrift verschwamm flüchtig auf dem Papier vor seinen Augen und seine Hand knüllte hilflos den karierten Zettel. Haltlos. Unter ihm schwankte nicht mehr nur der Boden; die ganze Welt war vom Kurs abgekommen, das Weltall schluckte die letzten Sicherheiten. Er hatte Angst. Sie waren auf halber Strecke am Straßenrand stehen geblieben, hatten ihre Gedichte und Worte verbrannt, waren nicht weitergekommen, warum, warum fragte sich nicht leicht im Moment des Vergessens. Wir sind nur Künstler ohne Werk, hatte sie gesagt und in seinen Kopf gemeißelt – schale Geschmacklosigkeit war das oder doch nur klare Wahrheit.
‚Deine Mischung ist die richtige, gleicher Anteil Verklärung und Realität‘, als sie auf den kühlen weißen Laken keine Erinnerungen mehr ersehnt hatten außer den Moment.
Als sie noch Vögel beobachtet hatten und das für Gegenwart hielten. Als sie noch von Schmetterlingen erwartet hatten, was Diplomatie nicht erreichen konnte. Das Explodieren eines Kokons wird die bestehende Konform zerstauben, die Wahrheit wird als Konfettiregen niedergehen, wir werden sehen … Er sah nichts mehr. Die Hoffnungen lagen zerrissen am Straßenrand. In den Kunstausstellungen wurde Fleischbeschau zu Epen, in den Lesungen zitierte Einsamkeit sich leer. Er hatte Abschied nehmen wollen, wenigstens das, ein romantischen Winken mit dem Taschentuch und ein letzter stiller Kuss. In der Mythologie gab es keine ungelösten Fehler, kein auslöschbares Sein. Aber hier, in dieser schwermütigen Welt, hatte er nichts anderes erwartet. Wen rührte noch der Dichter, der glühende Worte in seinen Bart nuschelte, an nichts erinnerte – nicht an das feine Antlitz Schillers oder die Grübchen Goethes. Wen bewegte sie noch? fragte er sich oft in diesen stillen Stunden des Abschieds. Eine Revolution hätte es werden sollen. Sie und er gegen den Rest der Welt, gegen die Sturheit der Bürgerlichkeit und die letzte Bastion des erkalteten Spießertums. Ach, Intellektualität. Wer hatte nur deinen Stecker gezogen? Sie sicher nicht, sie, die hungerte nach Intellekt, nach Innovation und Leidenschaft. Sie, die nachts nicht schlief, die schleppenden Schritts über die Flure der billigsten Motels schlich und rezitierte, erfand, innovierte – sie. Sein Leben war sie gewesen, seine Nacht und sein Tag, Sternenhimmel hatten sie entdeckt und den Stern von Bethlehem entlarvt. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, eine Frage des Mutes. Keine Kompromisse. Keine Ankunft und kein Ende, immer Neuanfang. Und immer Schmerz. Das hatte er gewusst, darauf war er vorbereitet gewesen. In ihrer Schweigsamkeit forderte sie immer mehr und er hatte sich an den Rand gewagt. Und das war alles, was ihm blieb. Wohin ging die Reise jetzt, ohne Gepäck doch dafür umso leerer. Wohin sollte er sich wenden. Wer sollte ihn kennen, wenn nicht sie.
Am Straßenrand wuchsen einzelne Büschel Gras im Staub. Der Wind strich über sie hinweg mit einer Leichtigkeit, die ihm das Herz brach. Weil er erkannte. Weil er vielleicht endlich begriff. Der Himmel über ihm spielte mit weiß und blau und sang ein eigenes Lied. Als sie ihn fanden, hatte er die Augen geschlossen und noch nie so viel gesehen.
„Der Kosmos dreht sich nicht um uns, er senkt sich keineswegs metaphysisch. Wir treiben auf einem Meer wie Wasserbälle, die an Luft verlieren, und klammern uns aneinander, wenn wir uns nah genug kommen. All das hier braucht uns nicht, braucht nicht die Schönheit der Erfindung. Wir befrieden nur uns selbst in unsrer Lust nach Sinn und Sinnlichkeit. Ihr seht einen abgehalfterten Mann, der die Wahrheit bedauert, während er sie erkennt. Ich habe die Kunst verloren. Doch ich habe die Welt lächeln gesehen.“
Famous last words.