Leichter.

„Es ist leichter, wenn man einfache Träume hat.“, sagte sie.
Ihre Hände lagen auf dem Tisch, als würde sie ihre Finger betrachten wie Fremdkörper. Weit weg von ihrem Körper, den sie nicht mehr liebte, den sie herumtrug wie leere Körbe, die einst überquollen. Ich holte meine Gedanken zurück hierher, in diese dunkle, enge Küche, die ihr Leben war. Ich wollte nicht verreisen im Kopf, weil ihr wichtig war, was sie sagte und dass ich es hörte. Ich fühlte mich mit ihrer Küche verwoben. Ich kannte die Küche so lange wie sie, wie lange ich sie kannte, wusste ich nicht mehr.
„Es ist so viel leichter, wenn die Träume von purer Gegenwart abhängen. Von Liebe und einem gemeinsamen Raum. Ich habe nur das hier.“ Nicht mal ihr Blick streifte diesen Moment und den Ort, der das hier war. Ich sah in ihr Gesicht, das müder aussah, als ich es in Erinnerung hatte. In die feinen Linien, die auch meine Geschichte erzählten. In die Schatten, die unter ihren Augen wie Tinte verliefen.
„Ich habe nicht darüber nachgedacht. Könnte ich mehr brauchen als diesen dunklen Halbkreis … Manchmal sind die Dämonen das, was wir Sehnsüchte nennen.“ Und Sehnsucht troff von ihren Lippen, die nie voll, aber immer rot gewesen waren. Ich kannte Dämonen, die keine Sehnsüchte waren, sondern Denker. Und denken war immer schon meine Aufgabe gewesen, wenn sie nachts Rotwein am Strand verschüttete und dabei wieder und wieder ihre Schlüssel verlor. Jetzt hingen sie am Schlüsselbrett, das beinah den Flur ausfüllte. „Das habe ich gelernt.“, hatte sie lächelnd gesagt und ihre Hände an der dreckigen Arbeitsschürze abgewischt, um mich mit echter Wärme zu umarmen. Ich legte ihr die Papiere hin, die sie in kindhaft geschwungener Schrift unterschrieb und mich dabei fragte, was Draußen machte, die Bars, die nicht nach meinen Chansons fragten, die Worte der anderen und manchmal meine – „was machen deine Worte, Liebes“ – als wären wir jung und frei und voller Illusion eines Lebens, das am Straßenrand auf unsere Mitfahrgelegenheit wartete.
„Es ist Konstruktivismus, das weiß ich schon. In meiner Realität war es leicht, ein einfacher Weg in ein schäumendes Leben. Vielleicht das falsche Konstrukt. Vielleicht hätte ich das weiße Kleid wählen sollen. Diese Farben sind nur leere Hüllen aus alter Zeit. Ich frage mich, ob irgendetwas Bedeutung hat, wenn man es nicht mehr liebt.“
Ich schüttelte sehr leise den Kopf und ließ sie nichts merken. Ich glaubte nur an Bilder und an den Klang schöner Wörter. Deshalb hatte ich nie Klavier spielen gelernt, es waren die falschen Wörter gewesen und ich blieb stumm. Das war eine andere Geschichte, aber sie schien sich in diesem Moment auf den Küchentisch zu schreiben, an dem sie sich jetzt festhielt, als wäre es ihr letzter Strohhalm auf einer Reise in das Innere der Welt. Ich lächelte über ihren erstaunten Gesichtsausdruck, als ich ihr alte Worte von uns zeigte, Dinge, die wir geteilt hatten und bis heute als kleine Geheimnisse wahrten – ich mehr als sie, die so viel vergaß, Hausnummern und Postleitzahlen und manchmal sogar Namen, wenn sie nicht völlig anders als der ihre klangen.
„Aber ich habe es wenigstens geliebt. Ich kann das mit Recht behaupten. Ich habe es die ganze Zeit geliebt, auch in den leeren Stunden, auch, als ich die Arme kaum bewegen konnte, ich habe nicht einen Moment aufgehört es zu lieben. Doch dann …“ Manchmal klingen Worte nach mehr als Echo, nach mehr als bloßem Ton. Ich sah in ihren Augen, dass sie sich zu erinnern versuchte, vielleicht an den Moment, als es aufgehört hatte. Ich konnte mich an viele bittere Stunden erinnern, doch sie verwoben sich mit den Sträuchern in meinem Garten und waren nicht mehr zu unterscheiden. Ich bin nur ein Filter, rauschte es durch mein Gehirn. Mein Blick sammelte Fragmente von ihrem Küchenboden auf – Farbkleckse, Drucke, Bleistifte und das Telefon, das in unregelmäßigen Abständen gänzlich schwieg.
„Erinnerst du dich an den Traum?“, fragte sie mit fester Stimme und blickte mir in die Augen. Ich nickte. Sie nickte ebenfalls und nahm ihre Hände vom Tisch. „Glaubst du an den Sieg der Naivität?“
Ich war nicht sicher. Ich mochte die Naivität; sie lief die Straße entlang ohne zu stolpern, doch nur so lange, bis sie den letzten Bus verpasste und sie feststellte, dass sie jetzt ein paar Haltestellen laufen müsste. Und Nieselregen setzte ein, es schneite sogar, wurde immer kälter, dunkler, einsamer. Und vielleicht, am Ende oder kurz vorm Ziel, stolperte sie doch. Ich fühlte mich plötzlich sehr kalt und erwachsen, ausgehöhlt und neu aufgefüllt, doch diesmal nicht von ihrem Lächeln. Das lag zusammengerollt unter dem Tisch und schnurrte nicht. Ich sah an die Wand der Küche, in der nur eine kleine Lampe brannte. Ich sah zur Spüle hinüber, auf der ein Stapel Papier lag. Ich sah auf den Küchentisch, in dessen Mitte zwei Namen geritzt waren. Ich erinnerte mich an den Traum. Und verloren geben würde ich ihn nicht.
„Es wäre leichter gewesen“, sagte sie, „wenn es nicht um Tiefe gegangen wäre. Wenn es an der Oberfläche geblieben wäre. Ein Schaukeln auf den Wellen, die sowieso sind. Und doch. Wenn ich wählen könnte – ich malte das weiße Kleid bunt und hinge es in die Galerie.“

Als ich schweigend und verschwommen auf die Straße trat, leuchtete ihr Fenster heller als die der anderen Mieter. In die feucht-kühle Dunkelheit hinein lächelte ich in leisem Neid.