Das Mädchen.

Sie hatte goldene Haare zu zwei Affenschaukeln an jeder Seite hochgebunden. Ich sah sie in ihrem gelben Kleid vor einem kleinen Laden in unserem Stadtteil stehen.
Sie war ganz allein, hatte nur eine kleine, silberfarbene Tasche um ihr Handgelenk gewickelt. Als ich an ihr vorbei ging, konnte ich nicht umhin, mich noch einmal nach ihr umzudrehen. Ihr Blick war auf mich gerichtet, sie blickte mir direkt in die Augen. Ich blieb stehen und wurde rot, dann sah ich zu Boden. Schlendernd kam sie auf mich zu. Sie war ungefähr sechs Jahre alt, hatte sehr aufgeweckte, blaue Augen, und ihre Nase war weder himmelfahrend noch stupsig.
„Du“, sagte sie schlicht, blieb vor mir stehen und bohrte mir den Finger in den Bauch – weil sie genau bis dort reichte.
„Na“, versuchte ich so locker wie möglich zu antworten.
„Kennst du mich?“, fragte sie und blickte zu mir auf.
„Nein“, gestand ich ehrlich und fügte hinzu: „Ich habe dich noch nie hier gesehen.“
Sie zog die nicht-stupsig-nicht-himmelfahrende Nase kraus und schlenkerte mit ihrer winzig kleinen Tasche.
„Ich kenne dich.“ Sie sah mich frech an und grinste. „Ich hab dich hier schon oft gesehen.“
Ich blickte zu dem kleinen Teeladen, vor dem sie gestanden hatte und nickte.
„Ich kaufe viel Tee.“, sagte ich.
„Ja, ich weiß. Trinkst du den auch?“ Ihre blauen Augen blitzten auf – so etwas wie Spott las ich daraus, aber auch eine gewisse Schalkhaftigkeit. Sollte das Kindermund sein, fragte ich mich grübelnd, oder versucht sie mich zu durchschauen ... bei diesem Gedanken wurde mir ein bisschen mulmig.
„Ja, meistens trinke ich den auch“, sagte ich zögernd.
„Meistens.“ Sie nickte. „Meistens regnet es auch hier in dieser Stadt.“
„Ja.“ Ich wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte.
Mir war sehr unwohl. Ihr schlauer Blick, mit dem sie mich unentwegt anblickte, gab mir das Gefühl, ich stünde vor Gericht oder zumindest auf ihrem persönlichen Prüfstein. Und das gefiel mir gar nicht.
„Und du“, fragte ich sie unsicher und versuchte ihrem Blick stand zu halten.
Sie antwortete nicht, aber ihr Lächeln wurde jetzt wirklich ein bisschen spöttisch, diesmal war ich mir ganz sicher.
„Woher kennst du mich denn so genau?“
„Och“, sie zog die Schultern hoch, „ich hab dich schon oft gesehen. Du rennst hier immer rum und guckst auf den Boden vor dir. Manchmal murmelst du ganz leise vor dich hin. Und manchmal singst du kleine Lieder. Und immer bist du allein.“, sie sah mich von unten herauf ein wenig schief an.
Ich schluckte und fühlte mich ertappt. Aus Mangel an einer schlauen Antwort senkte ich den Blick auf meine Füße.
„Da“, gluckste sie, „da machst du es schon wieder! Du starrst vor dich hin, auf den grauen Boden, als läge da Gold herum oder ein Monster – dabei weiß doch jedes Kind, dass es weder Gold noch Monster auf den Straßen gibt.“
„Weil die Monster nur unter Betten leben?“, fragte ich interessiert.
Sie kicherte wieder.
„Nee, weil Monster nur in unseren Köpfen existieren.“ Sie nickte zur Unterstreichung des Satzes und lächelte ein bisschen vor sich hin.
Was für ein merkwürdiges kleines Ding, dachte ich bei mir und sah sie mir ein wenig genauer an, jetzt, da sie für einen Moment abwesend und ganz und gar in sich selbst versunken schien. Doch natürlich war das ein Trugschluss und ich zuckte zusammen, als ihr Stimmchen erklang, ohne dass sie mich ansah: „Hast mich immer noch nicht erkannt? Suchst du immer noch nach Erinnerungen?“ Sie schüttelte den Kopf und nahm meine Hand. Wir drehten uns zur Ampel um, die gerade auf Grün sprang.
„Los!“, sagte sie laut und zog mich mit sich.
Wir rannten, für meinen Geschmack viel zu schnell, die Straße entlang, ohne uns umzusehen – sie jedenfalls blickte nicht einmal zurück.
Als wir den Sandweg, der zum Fluss hinab führte, erreicht hatten, ließ sie meine Hand los, deutete geradeaus und sagte: „Du gehst vor.“
Ich gehorchte, obwohl ich mir komisch dabei vorkam. Immerhin war sie ein geradezu winzig kleines Mädchen im Vergleich zu mir. Ich war doch hier die Erwachsene und Erwachsene nehmen keine Befehle entgegen – zumindest nicht von kleinen Kindern.
„Lass das“, hörte ich sie vorwurfsvoll hinter mir, „ich weiß, was du denkst.“

Wir gingen schweigend weiter. Sie war mittlerweile wieder neben mir und hielt meine Hand fest umklammert. Ganz schön kräftig, dachte ich ein bisschen bewundernd, so würde ich auch gerne mal eine Hand halten. Was für ein schräger Gedanke, ermahnte ich mich selbst. Sie ist ein Kind.

Wir erreichten eine weite Wiese, die in der Sonne lag. Es tummelten sich bereits einige Menschen dort, aber sie zog mich zielstrebig zu einem freien Platz und ließ sich laut seufzend fallen. Weil sie dabei immer noch meine Hand festhielt, musste auch ich mich fallen lassen und kam ziemlich unsanft auf.
„Na, nicht so einfach, wenn man groß ist, was?!“, kicherte sie. „Groß zu sein stelle ich mir nicht schön vor.“ Sie zog einen Schmollmund. „Muss man da nicht immerzu Sachen machen, die man nicht will, bloß weil man nach außen hin groß erscheint, selbst wenn man innen noch ganz klein ist?“ Sie sah mich mit großen Augen an.
„Na ja“, sagte ich, weil ich nicht sicher war, ob das eine ernst gemeinte Frage sein sollte oder ein ernstzunehmender Rhetorikversuch, „es hat auch Vorteile, groß zu sein. Man kann machen was man will …“
„Wenn man weiß was man will“, warf sie ein und zupfte an einem Grashalm.
„… und man kann sich frei für vieles entscheiden …“
„Wenn man sich entscheiden kann“, sagte sie altklug und riss den Grashalm heraus.
Ich wurde ein bisschen ärgerlich – nur ein bisschen – und sagte: „Und man muss sich nichts sagen lassen, weil man vieles einfach schon selber ganz gut weiß.“
Sie sagte nichts, sondern schnipste den Grashalm weg.
Dann zeigte sie auf die Leute um uns herum.
„Glücklich?“, fragte sie ein bisschen teilnahmslos und nahm sich den nächsten Grashalm vor.
„Wer? Die da alle?“, fragte ich verständnislos.
Als sie nichts erwiderte, sondern hingebungsvoll den Grashalm zwischen ihren Fingern rieb, sagte ich etwas lustlos: „Mir doch egal!“
Sie klatschte in die Hände und lachte ein glockenklares Lachen. „Wirklich! Fantastisch!“
Ich sah sie ein bisschen wütend an und wollte schon aufstehen, als sie ihr Gesicht dicht vor meins schob.
„Und – bist du glücklich???“
Als sich unsere Nasen fast berührten, stupste sie mich mit dem Finger an und sagte: „Ich mag dich lieber, wenn du klein bist.“
Dann stand sie auf und schlug Rad.
Ich blieb jetzt doch sitzen und sah ihr ruhig zu.
Als sie fertig war, kam sie mit übertriebener Geschwindigkeit zu mir zurück gelaufen. Sie war viel zu schnell für den relativ geringen Abstand, der zwischen uns bestand, und prallte voll gegen mein Bein. Sie ließ sich wie tot fallen und wälzte sich außer Atem auf der Wiese. Ihr kleines gelbes Kleid bekam viele kleine grüne Flecken, und als sie sich ausgewälzt hatte, zeigte sie darauf und fragte mich scheinheilig: „Kriegt man die je wieder raus gewaschen?“
Weil ich es nicht wusste – Waschen war nicht mein Fachgebiet – zuckte ich nur mit den Schultern. Mit einer vollkommen nutzlosen Handbewegung wischte sie über die Flecken, was offenbar ausreichte, um sie aus ihrem Gedächtnis zu fegen.
„Weißt du“, sagte sie jetzt in einem neunmalklugen Plauderton „alles ist eigentlich total leicht. Wenn man klein ist. Wenn man groß ist auch. Und zwar …“, dabei rückte sie näher an mich heran und sah sich verstohlen um, als könnte irgendjemand etwas schrecklich Geheimes hören. Dann flüsterte sie, und zwar so laut, dass meine taube Oma es hätte hören können:
„… darf man nicht nach Erinnerungen suchen!“ Zufrieden ließ sie sich zurückfallen und guckte selig grinsend in den Himmel.
Ich lächelte – das erste Mal in der Zeit, die ich sie jetzt kannte – und es war sehr aufrichtig.
Dann sah ich sie einfach nur an, wie sie da lag, auf dem Rücken mit ihren kleinen, goldenen Affenschaukeln, die sich neben ihrem Kopf aufstellten wie Monumente. Mit ihrem niedlichen Kleidchen, das durch ihre Kugel-Wälz-Eskapaden gelb-grün gefleckt war. Sie trug überhaupt keine Schuhe fiel mir auf und darum beneidete ich sie außerdem.
Ich war jedoch immer noch nicht bereit, meine Position vollends aufzugeben und startete einen halbherzigen Versuch zu widersprechen.
„Aber die Erinnerungen sind das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, versuchte ich meine Reife durch literarische Kenntnisse unter Beweis zu stellen.
„Pah!“, sie richtete sich halb auf und schüttelte die Schaukeln um ihren Kopf herum.
Dann zeigte sie nach oben, nach links, nach rechts, nach vorne, nach hinten, nach unten, sprang wie von einer Ameise gebissen auf und drehte sich im Kreis. Dann blieb sie ganz plötzlich stehen und sah mir ernst in die Augen.
„Sie sind aber nicht real. Sie sind wie die Monster, nach denen du auf der Straße suchst. Wie die Monster.“
Sie schaukelte ihr Handtäschchen an ihrem Arm und blickte nach oben.
„Ist schon ganz schön spät.“ Sie sah mich wieder an. „Zu spät für mich“ – dabei zeigte sie mit ihrem Zeigefinger auf sich – „oder“, und jetzt richtete sie den Finger auf mich, „zu spät für dich?“.
Ich nickte aus einem Impuls heraus. Ich hatte ein Gefühl, als sei das richtige Kästchen in meinem Kopf aufgesprungen und lauter Juwelen und Edelsteine sprudelten hervor.
„Wenn ich meine Mutter wäre“, platzte ich unüberlegt heraus, „könntest du meine Tochter sein.“

Ich hörte noch lange ihr glockenklares Lachen, nachdem ich sie schon nicht mehr sehen konnte.