Marlene.

Marlene.
Wie viele Namen habe ich dir gegeben. Wie viele Tode bin ich gestorben auf dem Weg der Vergänglichkeit. Wie viel Wasser ist den Fluss hinab geflossen, in dem du badetest; manchmal Mondschein, manchmal Sonnenstrahl, meistens Dunst. Haben Götter deinen Mund geküsst, Marlene, oder warum sprangen die Worte heraus wie Rohdiamanten, weißer Schaum auf den Spitzen der Lippen wie Inseln im Atlantik. Magie in der Stimme, die niemals sang. Verliebt glaubt sie, ist sie. Verzweifelt, in der trägen Nachmittagssonne in Italien, die Toskana war nicht nur da Vincis Heimat. Lächle für mich, noch einmal, Marlene und sage mir, welche Seite der Medaille du wählen wirst, ob du Brotkrumen streust oder Salz auf das Eis auf unserer Haut.
Ich habe gelesen, was du mir zugesandt hast. Es waren zu viele Zettel, zu viele Worte, Marlene, für einen wie mich, der erblindet ist an der Sonne und den Blitzen eines Sommers. Wie ein Maulwurf in den Hallen Neu Schwansteins, ein schwarzer, blinder Fleck im weißen Gemüt der Jungfrau von Orléans, die für die falsche Sache starb. Ich studierte Geschichte, als du eintrafst in der Stadt, die jetzt ein architektonisches Wunderwerk ist. Zahlen auf unseren Gesichtern, du zähltest die Stunden, die Stäbe der Kirchen, die Dächer der Häuser und ich wusste, wann Hannibal seinen letzten Elefanten zu Grabe trug. Es war ein Schimmer, Marlene, die Straßen waren Weihnachten im Sommer – vielleicht zu viel Glas unter unseren nackten Füßen. Zweifelnd tastete ich mich durch die Flut, ohne Ankunft oder Wahrheit in der Hosentasche. Ich liebte die alten Zeiten, wie sie Verstrickungen schnüren mit bunten Bändern und harschen Gesichtern, und die alten Zeiten sangen Lieder für dich. Marlene, du konntest bis drei Millionen zählen, du konntest sehen, wenn ich die Augen mit Pflaster verband, du konntest besser sehen als fühlen, besser hören als küssen, du warst keine Lichtgestalt. Ich weiß. Marlene. Marlena. Marlenina. Meine glänzende Göttin, Hände auf dem Rücken, niemals kalt, immer heiß, in Gärten und Häusereingängen, manchmal verrucht genug, ein Glas Rotwein über dein aschfahles Haar zu gießen und zu lachen – Lachen wie ein Springbrunnen, Kaskaden, und du liebtest Charly Chaplin so sehr.
Ein Wort noch Marlene, vielleicht ein Blick in den Spiegel aus dem du hervorsiehst, Göttin der Reflektion. Niemals nur eine, immer zu vielen, immer die Schale mit Geschmeide im Schrank. Opernball, Prado, Madame Taussaud’s, süchtig nach Kaffee, schwarz wie deine Unterwäsche, die niemals dieselbe war. Ich erinnere mich an alles – und doch wusste ich nichts, hörte nur den Ton, niemals das Lied. Jetzt ist es Zeit, nicht wahr, Marlene, mein Schatz, mein Schloss, mein Engel der Stadt, mein Schatten an der Häuserwand, an der ich euch sah.
Leise lächelt liebkosend Ludwig, liebt lügend leidenschaftlich Lene.
Ene – Mene – Meine – Lene – Deren – Küsse – Ich – Ersehne.
Oh ja, lieber eine Träne auf dem Boden, lieber die Verzweiflung im Blick als auf meinem Kopfkissen, stumme Haare wälzten sich über mich, neben mich, in die Schatten, aus den Schatten, in ein unbekanntes Licht.
Vielleicht glaubst du noch an das Gute in den Gassen, die unter dieser Stadt hindurch laufen, in die niemand hinein darf, nur Touristen mit Führung und niemals ans Ende des Ganges, nur einen Schritt, nur den zweiten Schritt, Adieu, zurück und einen schönen Tag. Weiter hinten liegt der wahre Geist dieses Lebens, hier, siehst du, wie langsam das Licht erlischt als wäre es ein Schlager aus den 80iger Jahren oder nur ein Scherz, den der Stammtisch erzählt. Erinnere dich, ich studierte Geschichte als du eintrafst. Erinnere dich, ich wusste, wann Hannibal seinen letzten Elefanten begrub. Erinnere dich, Marlene, ich kannte die alten Zeiten, schmale Lippen lügen nicht, ich weiß, wer das Messer führte. Geschichte erzählt von düsteren Dingen.
Sieh, wie Ludwig schmeichelt, schmäht, schmierig, schmarotzend – ich habe keine Angst mehr.
Nur Feigheit tötet Helden, Herzen springen nicht von Brücken, denn sie haben Stil, wahre Sehnsucht rührt ans Innere, verspricht nicht Erdbeeren im Winter, verspielt nicht Regenwolken im Herbst. Nimm es hin, Marlene, niemals neigt sich das Haupt der Gehörnten, niemals gibt auf, wer Geschichte schreiben will.
Nun, ein letztes Wort, Marlene.
Stahl ist der Freund von Macbeth, am Ende siegt doch der König – und Lady Macbeth verglüht in den Schatten ihrer Schmach.