Mutter.

Mein Wecker zeigte 6:58 als ich aufstand. Mutter sah mich heute, aber sie erkannte mich nicht. Erst als ich mehrfach meinen Namen wiederholt und ihn mit den Magnetbuchstaben an ihre Tafel gelegt hatte, damit sie ihn fühlen konnte, nickte sie leicht.
Ich malte weiter das Wohnzimmer, auf dessen roséfarbene Wände Mutter einige ihrer schwarzen Malereien aufgetragen hatte. Weiße Farbe war ausverkauft gewesen, sodass ich einen anderen Farbton wählen musste. Ich hatte mich für einen Beige-Ton entschieden. Mein Gefühl sagte mir, dass Mutter auf dieser Farbe keine Gemälde mehr malen würde.
Mutters Geräusche durchwankten die lähmende Stille, die in unserem Landhaus herrschte. Die Nachbarn waren verzogen, bevor Mutter sie mit bunten Farbkugeln hatte bewerfen können, und der Garten war nahezu vollständig verwachsen, sodass sich alle Geräusche von Außen an seinem Wall brachen und verschluckt wurden. Ich legte den Farbroller nieder und schlich durch die spärlich möblierte Wohnung.
Als sich die ersten Schatten auf den Gehweg gelegt hatten, trugen Mutter und ich die großen unförmigen Möbel, die bisher willkürlich in den Wohnräumen verteilt gewesen waren, in den zu der Zeit noch übersichtlichen Garten, um sie zu verbrennen. Wenig Asche blieb, denn ein starker Wind war aufgekommen und wehte alles Andenken fort. Mutter hatte geweint und sich die Augen zugehalten, damit ich es nicht sah, doch ihre Tränen hatten eine verzweifelte Melodie gesungen auf ihrem Weg in das trockene Blumenbeet.
Jetzt sang Mutter in ihrem Zimmer alte Lieder aus einer vergessenen Zeit. Ich bewegte mich langsam und leise, damit Mutter nicht erschrak, wenn sie plötzliche Schritte auf dem Flur hörte. Ich ging ins Bad und wusch mir die Hände. Die Badewanne war beinah bis zum Rand mit Stiften gefüllt, die ich aus Mutters Zimmer hergetragen hatte, denn sie benutzte die Badewanne nicht.
Als langsam die Farbe aus unseren Körpern verschwunden war, bauten Mutter und ich die Zäune im Garten, dessen Ostteil zu der Zeit schon gänzlich verwildert war, wieder auf. Ich hatte lange Latten besorgt, der Zaun sollte hoch sein und schützen vor dem, was nachts auf den Straßen entlang lebte, was ich durch die geschlossenen Fenster hören konnte, wenn ich nicht hinsah und versuchte zu schlafen. Mutter fürchtete Lichter und Leben in der Nacht. In ihrem gelben Gesicht leuchtete die Tinktur, mit der sie die Latten bestrich, um sie vor Regen und den Fluten in den Straßen zu sichern. Ich dachte sie war glücklich für diesen rätselhaften Moment, in dem blasser Glanz über den Pinsel in ihre kalten Hände rann und an etwas erinnerte, von dem wir keine Erinnerung hatten. Bald darauf begann Mutter zu malen.
Ich nahm erst später ihre Stifte weg und legte sie in die Badewanne, als Mutter nachts nicht mehr schlief und ihre Wände keine Farbe mehr hatten.
Ich glitt durch den Flur wie ein seelenloser Geist, Mutter schlug nur einen kurzen Moment die Augen auf, ich sah Flammen und die singende Trauer, sie griff nach leeren Hüllen und den Stiften, die es nicht mehr gab. Die Wohnzimmerwände waren neu gestrichen, sie rochen streng, Mutter weinte nicht, sie sah mich nur an, nicht einmal überrascht, nicht einmal mit großen Augen, nicht einmal mich.
Es waren warme Wolken, die sich über das Haus legten. Ich verschwand in der Flut der Straße.