Hinterm Vorhang (1).

Es regnet an diesem ersten Tag in Norwegen.
Gestern Abend teilten wir die nicht einbrechende Nacht auf der Terrasse mit Rotwein und dem fremdartigen Fjord, der durch die dichten Kiefernbäumen lugte, während wir dem unbekannt anmutenden Gesang der norwegischen Vögel lauschten.
Jetzt sitzen wir auf dem Sofa, hören Jazz, trinken heißen Yogi-Tee und knabbern gesalzene Erdnüsse aus der Dose. Der Regen formt einen Gazevorhang, aber ich habe das Fenster im Rücken und sehe auf meine Worte. Die Stille und Einsamkeit, die wir nur mit uns selbst teilen, legt sich über das Holzhaus, die Kiefern, die durchtränkte Luft und greift in mich hinein. Ich höre den Regen prasseln und wenn ich mich umdrehe, sehe ich nichts als freie, ungebremste Natur, die sich in ihrem eigenen Rhythmus hin und her wogt, und die tiefgrünes Gras und Moos auf hartem, kantigen Gestein wachsen lässt. Ich wundere mich. Über die Natur, die für sich allein gestaltet, über den Fjord, der sich mit kühlem Stolz bewachsen lässt und darüber, wie sehr mich das verwundert. Die Stadt, in der mein Leben wie in einem Holztrog steht, verleugnet die Natur derart, dass sie Beton auf ihre zarte Hülle gießt, um sie befahr- und ignorierbar zu machen. Hier lässt sie sich nicht ignorieren. Ihre undurchdringliche Stille wirft mich auf meine eigenen Gedanken zurück und zwingt mich, die Arme, die Einsamkeit und Langeweile nach mir ausstrecken, nicht nur wahrzunehmen. All das hier ist real – kein aus Worthülsen und fremden Einflüssen geformtes Illusionenmeer, Konstrukt hergestellt und kultiviert um zu vergessen und endgültig zu verdrängen, was wirklich in uns brodelt. Sehnsüchte, die wir stillen müssen um jeden Preis. Energie, die aus tiefen Quellen in uns entspringt und nach außen treibt. Lust auf etwas Eigenes; losgelöst von Einflüssen, fremden Bildern, Eindrücken, die niederprasseln wie der Regen. Doch zu langsam zieht Langeweile ihre Schlinge um unsere Herzen und wirft uns aus der von Ablenkungen geebneten Bahn. Sicherheit vor den falschen Fragen, die unser Innerstes stellen könnte. Angst vor einem nach Wahrheit verlangenden Selbst. Hier jedoch, auf diesem Berg, in einem großen kalten Fjord, ist Langeweile Freundin und Feindin zugleich. Warte auf den zweiten Moment, in dem die Schatztruhe sich öffnet.
Leere ist die wahre Illusion, die sich an Langeweile tränkt.
Wir sind die Verantwortlichen, die Mütter, Väter, Söhne und Töchter der Leere. Nicht sie ergreift uns gegen unseren Willen – wir ergreifen sie. Auf einem Hügel über einem breiten, kalten Fjord werde ich zwei Wochen verbringen. In einem rohen Nichts, das Alles ist, das Ursprung ist – ein Selbst. Wilde Natur, singender Wind, vibrierende Stille. Vögel, die ihre Melodien singen und ein Fjord, der unbeeindruckt vor dem Fenster steht und nicht mal hersieht und erkennt, dass neue Gesichter in das braune Holzhaus gezogen sind.
Vor dem Fenster breitet der Regen seinen Vorhang aus und ich wickele mir ein altes Bettlaken um Beine und Füße. Ich habe Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Ich fürchte die Tage der Stille. Und sehne sie gleichsam herbei.


Auf dem Fels (2).

Norwegen. Dieses Land, das kein Mittelmaß kennt. Nur Extreme, nur das Besondere, nur Alles oder Nichts. Heute scheint die Sonne auf das Wasser und ich sehne mich nach den Jahreszeiten hier, in dieser rauen Natur. Als wäre ich auf der Suche nach einem Kern, von dem ich schon weiß, dass er mir verschlossen bleiben wird. Wie spielt hier wohl der Herbst in den Tannen vor dem kleinen Holzhaus? Wie zaubert wohl der Winter weiße Flecken auf die Rasenfläche vor der Veranda? Wie singt hier wohl der Frühling seine leisen Lieder in den Wipfeln der Bäume, auf den Gischtkronen des Fjords?
Wie Gesang klingt die Stille, nur vereinzelt durchbrochen von dem drängenden Geräusch der Motorboote. Wie still und unbeweglich muss der Winter hier sein.
Diese Stille ist ein Tanz in meinem Kopf, der mich fordert und drängt. Weiter gehen, tiefer gehen, noch mehr nach innen schauen. Meine Furcht vor und mein Verlangen nach Stille formt sich zu einem weiteren Paradox, das sich an das Ende der Reihe stellt über der ich das Schild: „Zur Bearbeitung“ aufgehängt habe. Kann ich – sollte ich akzeptieren, dass diese Paradoxe niemals bearbeitet werden können? Dass sie kein Umhängetäschchen sind, das ich ablegen kann, wenn es zu schwer oder zu lästig wird. Diese Verwurzelungen, die sich durch mein Leben ziehen, sind Segen und Fluch. Ein Versprechen von Kontinuität, das gehalten wird und seine Triebe um mein Herz, meine Seele, meine Knöchel schlingt. Schwer sie abzuschütteln. Ein sehnsüchtig-hilfloser Kampf. Hier, auf dieser Insel des Landes, das kein Mittelmaß kennt, treiben die Wurzeln sich tief in die Erde und erklimmen sogar den schroffen Fels, der im Fjord zu schwimmen scheint. Ein großer Koloss, der sich nicht erschüttern lässt. Und aus dem Boot hinaus erklimme ich ihn und steige auf seinen Schädel, auf dem ich gelbe Blumen und riesenhafte Libellen bewundere. Ich frage mich, ob der Felsen sich sorgt, darüber, dass er den Platz, an dem er steht, nicht verlassen kann. Oder ob auch er sich nicht an der Schönheit des gegenüberliegenden Stück Landes satt sehen kann. Hier, wo alles geschieht – oder nichts.
Ich hinterfrage erneut den Sinn des Kommunizierens, des Teilnehmens am Stadtleben, des Öffnens der innersten Tore vor anderen. Könnte ich einen Sommer auf den Steininseln des Fjordes verbringen, nur begleitet von der Sonne, dem Regen, dem Wasser – dem zärtlich schmeichelnden Geräusch der Stille; könnte ich? Alles könnte ich – oder nichts. Wie dieses Land, das mich so plötzlich zum Schwärmen bringt, schwebe ich auf dieser Kugel, alle Möglichkeiten zu meinen Füßen wie der Fjord am Fuß dieser kleinen Insel. Wenn man eine Münze in das tiefe, dunkle Wasser wirft, erfüllen sich alle Träume. Verschluckt vom Wasser treibt sie in dessen Tiefe und wird eine Welt sehen, die mir, die uns ewig verborgen bleiben wird. Ich werde weiter an der Oberfläche treiben, doch zufrieden. Doch wissend. Für einen Augenblick. Die Möwe, die ihr Lied über dem Wasser singt, fängt nur die Fische, die sich zu nah an die Oberfläche wagen. Wie sie erbeute ich etwas Besonderes und baue mir daraus eine Schatzkammer, ein kleines Haus aus Muscheln, Tang und harten, schroffen Felsen.
Vielleicht genügen zwei, drei Wochen, vielleicht verlangt mich dann nach Lärm. Nach tausend anderen Menschen um mich herum, hinter weiß getünchten Betonwänden, voller Sehnsucht, voller Unruhe, voller Hoffnung und Erwartung. Ich frage mich. Ich finde keine Antwort. Nicht so schnell, nicht sofort, nicht, ohne die Stille zu befragen, das Wasser und die zerklüfteten Felsen im Fjord. Die gleiche Sehnsucht in mir, doch nur im Stillen kultiviert. Und Stille braucht sie, um hervorzutreten. Willkommen in meiner Welt. Ich trage das Paradies nicht unter meiner Haut – ich trage es auf der Zunge und auf einem Silberteller, während ich im Boot balanciere und meine Augen auf den weiten Fjord und seine Felsen richte.

Alles, was sich in mir sehnt, wird bereits erfüllt. Für einen Moment und doch braucht es nicht mehr. Das Etwas, das mich zurück ruft, ist nicht Vernunft. Es ist ein Traum, geboren aus mir selbst, den Weg in den Händen und eine Einladung zum Tee.
Dies hier ist der Traum eines Sommers, der Traum von einer Jahreszeitenperiode hier, auf diesem Hügel auf dieser zerklüfteten Insel im Fjord. Er-Leben in diesem Land, das nicht das von mir gefürchtete Mittelmaß kennt. Nur Extreme, nur das Besondere – nur Alles oder Nichts.

Das Fischerboot (3).

Ich sehne mich meist nach den Dingen, die ich nicht haben kann.
Ich wünsche mir eine kleine Holzhütte direkt am Fjord, mit einem fürs Angeln ausgerüsteten Boot. Ich wäre gerne ein norwegischer Fischer, der im Morgengrauen in sein Boot steigt und auf den Fjord hinaus zum Angeln fährt. Mitten im Gewässer trinke ich starken schwarzen Kaffee ohne Süße und Milch und genieße davon jeden bitteren Schluck, weil er wach macht für das Tages-geschäft, das Netzeauswerfen und Angelleinenaushängen. Aus nordischem, starkem Tabak drehe ich mir dann eine Zigarette, die ich genüsslich im von der aufgehenden Sonne schimmrig leuchtenden Dunst des Morgens rauche. Und es wird nicht die letzte sein. So lange ich auf meinem Boot im Fjord schaukele, werde ich Kaffee trinken und rau-chen, denn es dauert, bis die Netze sich füllen und mutige, aber unvorsichtige Fische an einer Angel anbeißen. Während ich dem Tag zusehe, wie er langsam erwacht, sich streckt und seine Arme über mein klüftiges, raues Land ausbreitet, schaukele ich auf den leichten Wellen des Fjordes und lausche dem Gesang der Stille, dem Zwit-schern der Vögel, dem Schreien der Möwen und dem leisen Plätschern des Wassers, das vergnügt um meinen Kiel spült.
Ein verrückter Traum, in Anbetracht der wirtschaftlichen Situation eines Fischers in der heutigen Zeit geradezu absurd. Doch vielleicht ist das das Werk dieser rauen Küste, die mich seit fünf Tagen umgibt und in taubstumme Faszination hüllt.
Ein Spaziergang durch diese von schroffen, zerschlissenen Felsen zusammengehaltene Natur zeigt gelbe, violette, weiße, blaue, orange Blumen und eine Herde grasender Schafe. Die Schafe regieren dies Eiland. Wenn sie auf den Straßen stehen, versiegt die Macht der Menschen, die in ihren Autos sitzen wie Ritter in ihren Rüstungen. Doch die Schafe sind schlau: Ihr Wissen um ihre Macht lässt sie diese selten nutzen, denn Macht ist ein Geschenk, das zur Dekoration gedacht ist. Die Schafe grasen friedlich vor sich hin, als ich dem Lied des Windes lausche, das mir genau diese Geschichte erzählt.
Hier liegt das Leben zu meinen Füßen wie eine Wanderung durch schroffe, grün bewachsene Felsen – so hart, doch so wunderschön, dass man sich nicht einfach abwenden kann. Dass man nicht einfach wegsehen und die Felsen leugnen kann.
Hinter jedem Felsblock wartet eine weitere Überraschung, eine neue Blume, eine ande-re Art von Moos. Ich sehe also nach vorne, während ich den leeren Krebspanzer am Straßenrand aufsammele und die zarten Blütenblätter einer violetten Blume vorsichtig zwischen den Fingern fühle. Ich gehe auch noch weiter, als sich hinter den Bergen graue Wolken aufbäumen und ihre langen Finger nach dem Stück blauem Himmel über mir ausstrecken. Der Wind erregt sich beim Erzählen seiner Geschichte und bläst mir kräftiger um die Ohren. Am Ende der Straße gibt es eine kleine Abzweigung aus Schotter, die sich zum Fuß einer Brücke schlängelt, deren Geländer grell-lila gestrichen wurde. Nur hier, in diesem überwiegend grau-grünen Land kommt jemand auf die Idee, diese Farbe für den Anstrich zu wählen. Beim Erklimmen dieses gigantischen Bauwerks wird mir jedoch sehr deutlich, wie notwendig ein solches Geländer hier ist – die grelle Farbe macht die Sicherheit allgegenwärtig und es schlendert sich leichter auf der für zwei Autos zu schmalen Straße in dieser Schwindel erregenden Höhe. Als ich über die Brüstung in das dunkle Wasser schaue, spüre ich die Macht des Fjordes, der so seelenruhig unter mir hindurch schwappt. Auch er käme sicher nicht auf den Gedanken, diese unbestreitbare Macht für egozentrische Zwecke auszunützen. Jene, die glauben, er locke sie in seinen schwarzen, unendlich tiefen Schlund, locken sich selbst. Der Fjord fließt weiter, beschreitet weiter seinen Weg, in geradezu stoischer Beflissenheit; große Beflissenheit weckt tiefe Sehnsüchte nach Zugehörigkeit.
Auf der Straße zurück zum Haus ziehen kreischend die Möwen dicht über den aufgetürmten Felsen am Straßenrad, und eine vom Wind benommene Hummel segelt über den Asphalt und wenige Zentimeter an meinem Arm vorbei. Mehrere kleine, schwarz-gelbe Vögel brausen schnatternd im Tiefflug vor meiner Nase in einen großen, grünen Baum, in dessen Wipfeln der Wind raunt und ihn wie einen alten Bekannten begrüßt. Der Baum nickt ihm freundlich zu und schüttelt sein Blattwerk zum Empfang. Ich gehe die Straße entlang und habe das Gefühl, die Natur hier in ihrem täglichen Dasein zu stören, nicht hierher zu gehören.
Als ich einen Blick über einen der Felsen werfe, sehe ich eine kleine Holzhütte direkt am Wasser, vor der ein Fischerboot mit großen Netzen liegt, das sanft auf den Wellen hin und her schaukelt. Eines der kleinen Fenster des Hauses ist erleuchtet und strahlt warmes, gelbes Licht über den Fjord.
Ich lächle still und gehe sehnsüchtig zurück zu meinem Haus.