Ozean.

Das Bett ist ein Ozean. Verschwimmt in blau, ein Pool mitten im Raum.
Sie legte sich nicht hinein, sie hatte das Schwimmen verlernt, seit das Fenster Tag und Nacht offen stand. Jemand war eingedrungen. Hatte Zettel hinterlassen, stille Bilder schwerer Einsamkeit. Wenn sie sich fürchtete, früher, war sie in das Bett ihrer Eltern gekrochen und hatte sich von deren Atem wiegen lassen, hatte sich vorgestellt, es wäre das Meer, das sich zärtlich um sie legte und ein Lied sang.
Im Halblicht der untergehenden Sonne warf ihr schmaler Körper Schatten an die Wand, die sich bewegten, obwohl sie still stand. Sie kannte die Daten der Sonnenauf- und -untergänge, exakte Zahlen, die die Staubflocken auf dem Boden sortierten, die sie abschnitten von dem, was Leben war. Heute würde die Sonne um 18:19 untergehen, verschwinden, um woanders zu strahlen, und trotzdem wäre ihr Licht für sie gestorben. Lange zog es sich zurück und hinterließ nichts als Schatten, die schluckten, was jetzt als fahle Silhouette an der Wand schwamm. Aufaßen, was von ihrem Körper übrig war.
Jemand hatte seine Fußspuren in ihrem Flur verloren und sich gen Norden gewandt, stetigjetzt waberte die Furcht durch das, was sie Zuhause genannt hatte. Zeit vor der Tat. Zeit der in Vergessenheit geratenen. Die Uhr pochte ihren Rhythmus mit unverhohlener Schamlosigkeit in ihre Starre. Jedes Zimmer war besiedelt von Körperlosigkeit, in jeder Ecke hielten stumme Erinnerungen Wache.
Sie begann nicht mehr, seit es nicht aufgehört hatte, aufzuhören. Hinter dem Vorhang oder dort im Flur. Dieses Gefühl. Dieses Danach, das es sich in jedem Winkel bequem gemacht und seine Flugtickets verloren hatte. Jeder Blick führte in die Vergangenheit. Und kannte dort nur einen Moment.
Die Zahlen in ihren Büchern versprachen Heilung, ein Morgen, so exakt konnten sie bestimmen, was Hier war, so exakt konnte man eine Mauer mit ihnen errichten. Nicht ans Telefon gehen, nie mehr die Haustür öffnen - wenn Jemand zurückkam, stünde das Fenster offen. Eintritt frei, Eintritt zu jeder Zeit, wenn es sein müsste, würde sie einen Leuchtstreifen aufhängen, als Erlösung für das dumpfe Warten. Für das Gefühl, dass es nicht vorbei sei.
Woran erkennen wir das Ende, wenn jede Rechnung in die Unendlichkeit reicht? Zahlenketten waren wie Menschenzeit - nicht zu Ende dort, wo jemand anders die Barriere setzte. Das Ende kann nur bestimmen, wer den Eingang findet. Jemand, der seine Fußabdrücke abholen muss, die Schritte auf dem Boden des Nichtvergessens. Nur Jemand hatte das Ende in der Tasche, trug es jetzt in den Supermarkt, in ein Leben hinein, das ihr so fremd war wie die Monstren, die sich in der Tiefsee versteckten. Das Wissen um die Erlösung schritt durch die Straßen, die sich um ihren verlorenen Raum schlangen und die sie nicht mehr betreten konnte. Regungslosigkeit, Gefangensein in Bitterkeit und Schmerz, Erinnerung zu ihren Füßen, zischelnd, solange nach ihr beißend, bis Jemand wiederkam.

Das Bett war ein Ozean. Im Halblicht der letzten Sonnenstrahlen rann der Fluss eines benutzten Lebens über den Boden. Jemand hatte das Ende gebracht.