Paar.

Es war einer der Tage, an denen es an der Zeit war, einfach liegen zu bleiben. Sie drehte sich mit wohligen Lauten um und versuchte, sich an seine warme Haut zu kuscheln. Er war noch da.
„Hast du gut geschlafen?“, murmelte er träge in ihr Ohr. Es war das alte Ritual und keiner als er konnte es besser wissen. Deshalb antwortete sie nicht. Es war besser so.
Das Ritual hatte verschiedene Facetten. Zuerst würden sie sich über Vergangenes unterhalten, dann würde es zu langweilig werden und sie würden versuchen, so zu tun, als ob jetzt alles normal war, aber das war es nie. Und sie wussten es.
Die Befriedigung, die dieses Ritual gab, war allgegenwärtig. Deswegen würde sie es nicht einstellen, es war etwas, an dem sie sich festhalten konnte.
Nachdem sie alles ausgekostet hatten, was die morgendliche Trägheit ihnen bieten konnte, standen sie auf.
Zum Frühstück setzte sie sich auf die Couch, auf der ständig nur ein Platz war – für sie, umgeben von den Dingen, die sie immer am nötigsten brauchte: das aktuelle Buch, Papier und Stifte, ihr Tagebuch, die eigene Gedichtesammlung, der Kalender und ihre kuschelige Wolldecke. (Diese Wolldecke brauchst du nicht, hatte er gesagt. Aber sie beruhigt mich, hatte sie erwidert.) Er saß wie immer irgendwo davor.
„Nie gibst du mir einen eigenen Teller!“, maulte er, als sie begann, Brote zu schmieren. Aber sie nahm es nicht ernst, schließlich kannte er die Regeln.
„Was genau sind Gefühle?“, fragte sie ihn nach einer kurzen Pause.
„So was wie radioaktive Strahlung“, sagte er, „erst mal sind sie supernützlich und erleuchten alles hell, aber dann wenden sie sich gegen dich, verseuchen deine Umwelt und fressen dich auf.“
„Und wie kann man das verhindern?“, fragte sie mit gespieltem Entsetzen.
„Ach, man benutzt so ein Ding, so ein ...“, sie verzog das Gesicht und dachte angestrengt nach.
„Einen Geigerzähler“, half er ihr auf die Sprünge.
„Genau.“ Sie nickte.
„Und wenn sie mich total durcheinander wirbeln ...“, überlegte sie laut, „brauche ich so ein anderes Gerät. Einen, einen ...“
„Seismographen.“, sagte er lächelnd.
„Ja.“ Sie nickte zufrieden. Das Gespräch gefiel ihr.
Sie wusste nicht weniger als er, aber sie benutzte sein Gehirn mit. So was wie eine Extrakammer, hatte sie mal gesagt, ich gehe hinein, wenn meine eigene Kammer zu vollgestopft ist und dann kann ich in Ruhe aus deinen Regalen auswählen. „Zum Glück", dachte er, wenn sie es zuließ, „hatte sie diese Kammer". Denn ihre eigene war meistens vollgestopft.
„Was hältst du von Dreiviertel-Hosen?“, fragte sie jetzt kauend.
„Okay.“
„Stilettos?“
Er sah zu ihr auf und grinste.
„Okay, schreib sie auf die Liste“, sie fuchtelte mit der Hand vor seiner Nase herum. Sie weigerte sich die Liste selbst zu führen, das, meinte sie, wäre wirklich albern. Sie wühlte mit der freien Hand in dem Stapel Zettel, der neben ihr lag, und fischte ihr Tagebuch hervor.
24.09.00 «Habe genug eigenen Kram am Hals. Muss mich darum kümmern. Muss mich mehr um mich selbst kümmern. Und wenn diese ganze Selbsterkenntnis vielleicht mal bitte so akut wird, wie der ganze Scheiß, der sie immer verdrängt!!!
Finde Stilettos total super.»

Sie sah sich ein bisschen um und überlegte, was sie heute tun würde. Er würde sie schließlich nicht den ganzen Tag unterhalten, dafür ging es ihr zu gut.
Zweifelnd blickte sie in sein Gesicht. Es war so sehr wie das ihre, dass es ihr fast Angst machte. Aber sie durfte keine Angst vor ihm haben, das hieße, Angst vor sich selbst zu haben.

Sie seufzte, weil sie merkte, wie das Ritual sich dem Ende neigte.
Sie würde sich keine Stilettos kaufen, einfach, weil sie auf ihnen nicht laufen konnte.
Er würde es ihr sicher nicht übel nehmen, wie so oft wäre er der erste, der ihr plausible Gründe nennen könnte, warum sie nicht alles mitmachen musste, warum sie gut war, so wie sie war.
Sie stellte den Teller vor seine Nase und blickte aus dem Fenster. Ihre Hand suchte in dem Durcheinander nach dem Buch. Schöne neue Welt.
„Es gibt eine Band, die heißt Surrogat“, murmelte sie, „genau wie das Blutsurrogat, mit denen die Föten in der Brut- und Normzentrale ernährt werden.“
„Das habe ich irgendwo gelesen“, sagten sie beide gleichzeitig und fast wäre es ein bisschen unheimlich gewesen.
„Ich weiß“, sagte er.
Sie wollte ihn nicht abstellen. Sie wusste, dass er es verstehen würde. Wie jedes Mal. Und er wäre zurück, bevor sie selbst wüsste, dass sie es wollte.
„Vielleicht zum Abwasch", dachte sie und atmete innerlich ein bisschen auf.
„Weißt du“, sagte sie nachdenklich, „manchmal ist es so, als wäre alles was ich ist du und alles was du bist ich. Kommt dir das komisch vor?“
„Das ist doch kein Geheimnis“, sagte er leise und stand auf.