Am See.

Sie stand am See. Es war ein kurzer Weg gewesen, leise knackende Zweige unter ihren eiligen Füßen. Jetzt, da sich das Dunkel vor ihren Augen gelichtet hatte, blickte sie auf den spiegelnden See, der sich mit Plagiaten von Sternen schmückte. Ihre Hand bewegte sich lautlos atmend in ihrer Tasche und grub in die Tiefen hinab. Dort, wo Zwerge Edelsteine schürften, lagerte ein verschnürtes Päckchen, mit rauem Faden zur Unkenntlichkeit geschmückt. Die Augen lenkten sich unaufhaltsam zu dem leisen Plätschern, das Chöre in empfindlichen Ohren beschwor. Sie wartete nicht mehr. Die Nacht hielt still und legte dunkle, wattige Hände um den Mond. Nichts zu sehen, nur der Geruch von Wild. Sie beugte sich vor und ihre Hand schwang ruckartig aus der Tasche, in die Luft über ihrem Kopf, in die Zweige, durch die Schatten, die sich auf das Moos senkten – es sind nur Werkzeuge auf ihren Arbeitstischen, nachmittags, wenn die Türen der Fabrik aufhören zu schwingen und schwere Schlösser nach Sicherheit schnappen. Das erste Menü auf der Speisekarte ist so lebendig wie geschmäht. Und das Päckchen in ihrer Hand hatte an brodelndem Gewicht gewonnen, seit sie den letzten Knoten gemacht hatte. Jetzt schwelte es über ihrem Kopf zwischen wankenden Zweigen und drohte zu verbrennen, was schlicht existierte.

Sie rannte durch den Garten, vor ihr das Tor, hinter ihr Wurzeln und Reste von Unkraut, die sich wie tanzende Schlangen um die Fugen des Weges schlossen. Sie kam nicht an. Sie atmete nur noch stoßweise, nicht mehr einatmen, um den Geruch zu leugnen, nicht mehr denken, um den Rückweg zu vergessen, nicht mehr sein. Das Tor schlug klappernd in den rostigen Fugen, sie sprang mit beiden Füßen gleichzeitig dagegen und altes Eisen sprang schnatternd wie geschwätzige Mädchen in den Himmel, auf die Straße, hinaus in die Stadt. In den Taschen ihres Mantels quiekte es verheißungsvoll, als ihr zerrissener Schuh den Asphalt betrat und lange, schlierende Spuren hinterließ. Auf den Straßen kochte die Hitze des vergangenen Tages das Wasser der Erinnerung ab und goss klare Brühe in nicht vorhandene Becher. Sie erreichte keuchend den Rand des Parks, die Ecke, an der die Jugendlichen Bier tranken und kicherten, die schattigen Ruinen des Spielplatzes, die leeren Straßen der Nacht. Als sie den ersten Schritt in den Wald machte, glitt die kalte Luft in ihre Lunge und ließ sie überfluten. Kühle breitete sich in ihrem Brustkorb aus und ihre Schritte verschluckten sich im weichen Moos. Sie blieb einen Moment stehen und blickte auf ihre leuchtende Hand, die immer noch umklammert hielt, was eben noch ein anderes Leben war. Eilig wickelte sie Paketband darum, mehrere Knoten für kein Zurück. Als sie weiterrannte, war es nicht hektisch, sondern mit flirrender Freiheit im Blick.

Pulsierend lag es auf dem Bett, atmete flach, doch ohne Hast, Ruhe strahlte ihr entgegen und löste die Reste ihres nebligen Atems auf. Ohne Eifer ging sie auf das Bett zu, blieb in ungefährlichem Abstand stehen und heftete ihre Augen am bewusstlosen Körper, der nicht mehr zu fühlen schien, fest. Roh lag die Wand hinter, über und vor ihr, keine Geborgenheit in den Wänden und doch … Schal stand die Luft an ihrer Seite, wabernd malte ihre Leere letzte Traumbilder in den bloßen Körper hinein. Die Brust lag frei in sachtem Heben und Senken, und ihre Augen klammerten sich stur an ihr Weiß – jetzt, raunte ihr Kopf und legte sich auf die Seite. Ihre Hand näherte sich schwerelos schweigend dem ausgestreckten Sein, leise, wie harmlos, leicht. Als der erste Finger hineinglitt, wölbte das Leben sich ihr mit solcher Leichtigkeit entgegen, dass sie mit der ganzen Hand hineinstieß, die jetzt angriffslustigen Finger ausbreitete und zugriff. Das Geräusch war wie Federn, die sich auf Stallboden senkten. Animalisch. Sie drehte sich um, und zog in der Bewegung ruckartig und kraftvoll die Hand zurück. Ihre Augen flirrten, ihre Hand zitterte und ihre Füße folgten keinem Befehl mehr. Die Treppe rief Alarm, die Wände zogen sich zusammen, ihr Herz schrie Punkmusik und raste hinter ihr her, raus. Der Kopf stand senkrecht und hielt das Gehirn zurück.

Die Treppe knarrte schon, seit sie das Haus hier kannte, die alten Dielen bewegten sich knurrend unter ihren Schritten und hinterließen ein dumpfes Echo in den Dachbalken. Unter dem Dach lebte niemand. Schleichend besah sie sich jede Tür im Gang, jede Maserung des Holzes sang alte Lieder, erzählte Geschichten vergangener ausgekühlter Zeiten. Sie ließ sich von ihrem Geruchssinn leiten und von der schmalen Erinnerung, die sie in Fotoalben zusammengesammelt hatte. Das Erdgeschoss lag lauernd und gähnend unter ihr, eine Raubtierhöhle oder ein verlassener Schlund. Es lag neuer Teppich unter ihren Füßen, weich und dick, ihre Schritte verschlingend – sie kannte ihn nicht. Auf dem Flur war es kühl und ihr Atem zog einen langen Schleier hinter ihr her, der an den Wänden hängen blieb, als sie die Hand nach der bronzenen Klinke ausstreckte. Die Zeitlupe verhinderte störende Geräusche, Fingerabdrücke fürchtete sie weniger als Erinnerungen, nicht schüchtern drückte sie zu, fühlte schon den Hauch, das Gefühl von Sehnsucht und Vermögen, das sich zu Mut vermischte. Die Luft vibrierte in dem kleinen Raum, der sich schweigend vor ihr öffnete. Der erste Schritt klang scheppernd und vertraut, wie eine Einladung, doch unbemerkt.

Langes Denken hatte sich zu einer Kette aufgezogen und doch nur einen Anhänger gehabt. Auf der Straße war das Leben eingeschlafen und die Bäume raunten ein letztes Märchen, Gute-Nacht-Geschichten, deren Ende niemand kennt. Ihre linke Hand lag auf dem alten Gartentor, die rechte klammerte sich an rauem Band fest, das sie wie ein geerbtes Schmuckstück trug. Ihr Blick prägte sich das Haus ein, die Eichentür, die Bögen der Veranda, das alte, sterbende Dach. Als kenne sie es nicht. Wenige Schritte würden reichen, kein fremder Weg, sie konnte es riechen, alles war durchdacht und gut geplant. Das Öffnen des Gartentores war das Schwerste, die Erinnerung drückte sich dagegen und lehnte sich unnötig auf, auch noch, als sie bereits auf den ausgetretenen Steinen stand, auch noch auf den Stufen der Veranda und danach.
Die Eichentür sandte kein Geräusch mehr, die verwehten Schnitzereien blickten starr ins Leere, ihr Blick glitt daran herab wie an einem gut geölten Scharnier. Sie trat ein. Vor ihr lag Dunkelheit, alte Möbel, eine alte Kaffeekanne, ein Meer an ausgedienten Dingen. Sie näherte sich der Treppe und ignorierte die alten Geister, die sich aus den Wänden und abgegriffenen Gegenständen schälten wie weiße Gischt. Sie konnte schon lange schwimmen. Mit ausgeleerten Gedanken näherte sie sich der Treppe und ergriff ihr Geländer mit kraftvoller Sicherheit.

Als sie warf, fühlte ihr Arm sich für einen Moment zu schwer an, um überleben zu können. Die Schnüre vollführten ein Ballett in der Luft und zwangen sich dabei nur enger um das Pulsieren. Mit einem unbedeutenden Geräusch schnappte der See danach und löschte jede Erinnerung aus.

Die Feuerwehrmänner fluchten leise auf dem Weg in den Baum. Die Zweige zerrten wie beflissene Terrier an ihrer Kleidung und versperrten den Zugang zu ihr. Es war zu kalt für einen Apriltag und Regen wusch sauber, was sich nicht schmutzig gemacht hatte.
Vorbei heißt manchmal auch Ende. Wohl kaum Moral.