Tee um fünf.

Du stehst im Schatten. Du bist so britisch, dass ich einen Amerikaner aus dir machen will, und zwar nicht, weil ich dich hasse. Du weißt um meine Leidenschaft für Inseln und schwarzen Tee um fünf. Ich hatte zu viel Nähe, um Entfernung in meinen Garten zu pflanzen.
Ich liebte deine Hände auf Bierflaschen, die du bedächtig leertest, als du mit Worten deine Heimat maltest. Wir gingen nächtelang in deinem Atelier spazieren, in dem du Studien anstelltest, die ich unbegreiflich verlockend fand. Warm warst du, meistens wärmer, und in den dunkleren Ecken tauschten wir hastige Berührungen und laue Küsse aus, in viel zu lauter Heimlichkeit. Und Plattitüden waren deine Kinder. Im Gänsemarsch, selten hinter vorgehaltener Hand, ließt du sie an deiner Hand laufen, und manchmal gabst du ihnen Namen. Exzess war dein Lieblingskind, wie es hinter dem Vorhang auf dich lauerte und du dich gespielt überrascht überfallen ließt. Du bist so britisch, dass es mir das Herz zusammenzieht, jedes Mal wenn ich das Cure-Intro höre – it doesn’t matter if we all die. Du lebtest für diesen letzten Moment, dieses stumme Dahingehen, Poesie auf weißem Boden und Heimat. Du warst lautes, nächtliches London und Tiegelchen, in denen du geheime Psychopharmaka versteckt hieltst. Mit dir sein ist ein rauer Wind in meinem Nacken, Sehnsucht in Armen und Beinen – ach, Brite.

Es war nicht stürmisch, als die Fähre anlegte, sich an die Insel lehnte und God save the Queen in meinen Kopf hinein sang. Laue Luft wehte Gerüche von Verschrobenheit und Chips heran und lehnte sich vor – wir begrüßen unsere Gäste, welcome Ladies and Gentlemen und alle dazwischen. Die schreienden Kinder, die seekranken Trinker, die schweigenden Töchter mit den abgelegten Taschen ihrer Mütter. Auf der Suche. Und leer. Ich hing über die Reling mit großen Augen und Freiheit im Blick, die Hand in meiner Tasche und unberechenbarer Hoffnung, verflochten in meinen Haaren. English Island. Welcome, Ladies and Gentlemen, make you feel at home.
Als ich die ersten Schritte über die Straßen machte, sah ich nicht, was hinter den Gesichtern sang und schwebte. Ich erwartete, Shakespeare zu treffen, einen Raben aus dem Tower zu entführen oder Stadt und Einsamkeit. Ich schwappte durch die Straßen, Bed and Breakfast, zu viel Fashion, Straßeneinerlei bemalt mit Multi-Kulti. Verlaufen im Zentrum wand ich mich nach jedem um, bemerkte Fußabdrücke auf dem Asphalt und schwelende Asche auf den Gehwegen. Es war dunkel, trotz Picadilly Circus, trotz des lauten Hupens der Busse, und der Leuchtreklame. Schal standen die Bars an den Rändern der Straßen und quollen über vor Rauch und Musik.
Du trankst Gin Tonic, auffällig unauffällig, und sahst über deine Schulter, um mit einem Freund laut gegen die Musik an zu diskutieren. Über Gauguin, die Ausstellungen im British Museum und die Obstpreise – ich rührte mich nicht von der Stelle. Diese britische Hand, die dein Glas nicht umklammert hielt. Diese willkürlichen Flecken auf deiner Hose. Dieser Blick, klar, stur, unaufhaltsam. Ein verrückter Engländer mit so viel weitem Land in den Augen, dass ich mich neben dich stellte, und du ‚German?’ fragtest. Woher …? Ich komme aus Berlin.
Ich reiste nicht gern. Ich fühlte, wie deine Stadt an meinen Beinen hinaufkroch und zog Strumpfhosen an, Jeans, nur nicht schwach werden, jetzt, in diesem Hauseingang, wo waren wir noch mal, welches Land, welches Universum … Zeitmaschine an. Wie Passagiere hielten wir unsere Hände, rannten zu schnell, tranken zu viel, hüllten uns in London bei Nacht, verflossen mit den Fluten deiner Straßen. Es gibt kein Ende, alles ist immer nur Neubeginn. Während die Tage auf allen vieren davonkrochen, lehntest du lässig an der Häuserwand, rauchend, redend – spielen wir was, spielen wir uns.
Sträucher begannen plötzlich zu wachsen, wir pflückten ihre Früchte, gossen sie auf zu reinem, klarem Tee. Angst war kein Bekannter, Ende war kein Freund, weitergehen bis es nicht mehr weitergeht und fürchten – fürchten tun wir uns nicht.
Ich fürchtete nichts so sehr wie die Furcht vor dem Ende. Als die Fähre mit den Rücklichtern morste – jetzt bleibst du wohl noch ein bisschen, oder, komm, ich zeig dir was. Nimm meine Hand und spür das … Kennst du 808 State – das hier ist mit Björk –, seltsam genug, dieser britische Charme in den Lautsprecherboxen, die Lieder für uns sangen, wenn du mir weit entfernt viel zu nahe kamst. Eine Tasche voll Nichts stand im Hausflur, weil ich nicht mehr zum Leben brauchte als die Gassen, in denen Jack the Ripper gemordet hatte, die Ausflüge ins Nirgendwo mit klapprigen Autos, die das Steuer auf der falschen Seite hatten – dafür aber nicht auf der Seite des Herzens, denn das brauchte man zum Autofahren nicht.
Da waren nicht genug Räume, nicht genug Bilder, nicht genug Museen, in denen fremde Geister ihre Emotionen ausstellten wie Strandgut. Wir sahen uns Rahmen an und philosophierten über russische Musik; alles, was fremd war, war dir Freund, dunkle Ecken waren Bühnen im Spotlight. Ich schwand zwischen Worten und Farben, während du immer wieder Tee kochtest, auch später als five o’clock. Auch davor. Die anderen Zimmer waren selten verschlossen, ich lernte deine Mosaiksteinchen kennen. Claire und Pete, Marissa und Al, Sophie, Charleene, Phil und Fotos auf den Simsen der Kamine – in den Räumen raunte Altes und Neues eine Operette und du kanntest den Text. So viele Gesichter, so viele Dinge und nichts davon legte sich jemals neben dir zum Schlafen. Ich sah dich lange an, auch wenn ich glaubte, nichts mehr sehen zu können; plötzlich kamen Zinnsoldaten aus deinem Mund und du sangst ein Lied für mich – and no one ever knows or loves another, or loves another.
Ich malte es mit deinen Farben bunter als es war.

Abschied hisste raschelnd Fahnen, Flugzeug-Kaffee ohne Milch, und Teebeutel – ein Frevel in deinen Augen. Mir wurde schlecht, ich hatte nicht gewaschen, ich hatte nichts abgesagt, ich saß in einem Flieger Richtung Atelier und Nirgendwo und alles, was ich hatte, war der Glanz in deinen Augen, wenn du von Dürer sprachst. Es war mehr als ich brauchte.
Berlin verwehte im Herbststurm. Dein Atelier war Himmel und Hölle, wir spielten Verstecken und meistens gewann ich. Ich lernte Italienisch in dieser Zeit, über Russland sprachen wir nicht mehr, wir hatten es im Flugzeug verloren, hörten David Bowie und verstanden gar nichts. Ich fühlte mich frei und wie ein Kind, nicht zu Hause und noch nie so zu haus. Wir schlichen durch weitere Nächte, ich lernte Gin trinken und du lerntest meine Launen kennen, wenn morgens kein Regen war und nachmittags zu viel. Es gab nur zwei Straßen, die ich hier kannte. Ich fand die Wege selten allein, du wolltest wegziehen und bleiben und noch mehr Platten hören, Fantasien heraufbeschwören und dem Abgrund durch Rauchschwaden hindurch zulächeln. Sieh hier, wie es schimmert, kannst du das verstehen, niemand kann es verstehen, ich denke, ich gebe es auf. Nichts kommt jemals an – und wo zum Teufel soll es auch hingehen.
Ich konnte nur schwer verstehen, aber Liebe ist nur eine Nachbarin, weißt du doch, Brite, warum warst du überhaupt hierher gekommen, wenn du diese Nachbarn gar nicht magst. Wir waren uns einig darüber, dass wir nicht einig werden konnten. Ich genoss diesen Streit und diese Diskrepanz, wie Paradoxe, wie mutierte Pflanzen, wie Leben.
Das verstaubte Zuhause schickte keine Briefe mehr, vielleicht hatten die Poststellen geschlossen, vielleicht waren die Mauern zu dick, vielleicht. Schluss damit – vergiss nicht, dass man nichts vergessen kann. Ich habe nichts vergessen.
Nicht den Geschmack deines Weins, nicht den Geruch deines olivfarbenen T-Shirts, nichts.
Du maltest nur noch zwei Stunden am Tag, was ich zu wenig fand, ich sprach kein Italienisch mehr, was dich ärgerte, und ich erinnerte mich nicht an die Abflugzeit des letzten Fliegers.
Ich wollte nicht mehr in den Gassen wandern, die den Straßen alle Luft abrangen. Ich hatte genug gesehen, und Lücken ließen sich nicht mehr füllen, weil du nicht und ich nicht und schon gar nicht wir. Ach, Brite, sagte ich, und du sahst aus dem Fenster. Du beobachtetest Vögel und das Schwanken der blattlosen Zweige, während Tricky krächzte und du den Text mitsprachst. Nichts zu sehen, siehst du, German Maiden, nichts zu sehen, hier, in dieser Stadt.
Es schmolz nur sacht dahin. Es lief die Wand hinab, sammelte sich in alten, angeschlagenen Schüsseln – das habe ich gesehen und dort bin ich gewesen –, und manchmal schrieb es Lyrik in mein Tagebuch, aber doch … Nicht heute vielleicht. Nicht jetzt, nicht in diesen leisen, schmeichelnden Momenten, aber doch … Der Fernseher lief – sieh mal, in England werden Träume war. Vielleicht, wenn man von weißer Eheschließung träumt.

Ein Wind kam auf, als ich über den Stein strich, der aus deiner Bildhauerwerkstatt stammen könnte. Du bist so britisch, dass ich mir dich beim Rodeo im Westen Amerikas vorstelle, Cowboyhüte und ein wilder Sinn in deinem rauen Leben. Tee um fünf, Brite, aber Fähre fahre ich nie wieder …