Tunnel.

Eins.
Die dunkle Seite des Weges lag hinter einem mit Graffiti verzierten Tunnel. Darin roch es seltsam; ein bisschen nach Urin, ein wenig nach Tod und Einsamkeit, und sie fühlte sich unwiderstehlich davon angezogen. Sie berührte die kalte Mauer des Durchgangs und fühlte sie in ihrer Handfläche pulsieren. Ein Gefühl von Leben und wiederentdeckter Heimat kam in ihr auf. Wenn sie jetzt einen Seismographen an ihre Gefühle anschließen könnte, würde er starke Beben ankündigen, dachte sie. Mit einem Finger strich sie über einen langen Stahlnagel, der aus der rechten Seite des Tunneleinganges herausragte. Er war rau und kantig und sie schnitt sich damit eine kleine Wunde in den Finger. Etwas Blut trat hervor und sie betrachtete den Finger nachdenklich. „Wenn es Vampire gäbe“, dachte sie vorsichtig – denn Gedanken machten ihr manchmal Angst –, „wenn es Vampire wirklich gäbe, dann vielleicht in diesem Tunnel.“ Sie steckte den Finger in ihren Mund und saugte ein wenig daran. Das Blut – ihr Blut – schmeckte nach Leben und rauer Natur. Nach Erwachen. Einen Schritt sollte sie in den Tunnel machen. Wegen der warmen Stimme, die sie von der dunklen Seite des Pfades aus zu rufen schien, und weil sie ihre Angst überwinden wollte. Angst vor Vampiren zum Beispiel, die ihr das ohnehin schon schale Leben aussaugen wollten, und Angst vor der Nacht mit ihren düsteren Gestalten und gefährlichen Verlockungen – seltene Gäste in ihrem Alltag, der mit dem sandfarbenen Pfad zu verschmelzen schien.

Zwei.
Sie setzte einen Fuß vor und tippte mit seiner Spitze in den Schatten des Tunnels. Der Fuß verschwand in seinem Halblicht und berührte weichen Sandboden. Lang war der Tunnel nicht und aus seinem nahen Ende schlängelte sich der ersehnte Weg hervor, dunkel und geheimnisvoll, aber schön und anziehend. Nur ein kurzer Moment in der feuchten Sphäre zwischen Jetzt und Dann – was würde im Dann auf sie warten? Eine neue Perspektive? Etwas, das sich ungestüm vor ihr öffnete, ihr den Arm um die Schulter legte und sie mit sich fortriss? Fort in eine fünfte Dimension, in der alles wilder, dunkler und schmackhafter war … Sie setzte den Fuß ab und trat in den Tunnel.

Drei.
Es roch stärker nach etwas Gefährlichem, nach etwas Rohem, das sich in die Wände gesogen hatte und sich dort ausbreitete, ungestört und sorglos. Sie zog die Schultern etwas zusammen, denn es war kalt hier, kälter als sie erwartet hatte. Vor sich, einige Meter entfernt, sah sie das Ende des Tunnels und den Weg, der sich daraus löste und sich in schwere, tiefgrüne Büsche und Bäume davon schlängelte, wie eine starke Schlange, die keine Furcht kannte. Ein stummer Wind bewegte die schweren Zweige und vermochte doch nicht, sie aus dem Weg zu räumen. Sie sah sich um. Hinter ihr lag der Tunneleingang und dahinter die helle Seite des Pfades. Leer, sandig, verdorrt. Sie blickte wieder nach vorn. Vorsichtig ging sie los, wählte bedächtig jeden Schritt, aus Angst, sie könnte in etwas Unerwartetes treten, eine Pfütze oder etwas anderes. Ihre Schritte wurden schneller, sie verspürte kichernde Angst vor dem, was sich vielleicht hinter ihr aus den Schatten von den Wänden löste. Sie blickte stur gerade aus auf ihr Ziel und beschleunigte ihre Schritte weiter, denn das Ende des Tunnels schien ihr plötzlich so nah und begehrenswert. Sie wollte endlich ankommen, schneller das Ziel erreichen, die verlockende Seite erlangen. Endlich ankommen …
Sie prallte gegen etwas in der Mitte des Tunnels. Es war so groß wie sie, kühl und düster. Etwas war unter ihrem Fuß und zuckte, als sie hinauf trat. Sie schrie auf, taumelte zurück und glitt aus. Wie in Zeitlupe fiel sie nach hinten, prallte mit ihrem Kopf auf den rauen, kalten Boden und verlor das Bewusstsein.


I.
Die helle Seite des Weges schlich aus einem rauen Stein-Tunnel heraus ins Licht. Ein seltsamer Geruch schlug ihr daraus entgegen; nach Urin, ein wenig nach Stille und Regelmäßigkeit, Verlockungen und sanfter Wind schienen ihre Haut zu streichen. Sie rieb sich die Nase und streckte eine weiße, schmale Hand nach vorn. Starke Sehnsucht begann in ihr zu schlagen und eine trockene Stimme lockte sie singend in den Tunnel und zum hellen Weg. Sie berührte die kalte Mauer des Durchgangs und fühlte sie in ihrer Handfläche pulsieren. Eine Welle von Sicherheiten durchströmte sie und schickte knisternde Stöße durch ihr Herz und ihren Körper. Sie zog die Hand zurück und betrachtete die blasse Haut. ‚Sonne’, dachte sie und bewegte die Schultern in kleinen Kreisen, ‚spendet Leben.’
Die Dunkelheit raunte in ihrem verlassenen Herzen und ließ kleine Eiskristalle darin fallen, lauernd lächelte sie hinter dornigen Büschen. Dort strahlte die Sonne, leckte den düsteren Ausgang des Tunnels, wonnig, verspielt – verspielt.
Die Sonne war ein warmer Geliebter, kein kalter Stein, der auf der Brust lag und einem die Luft abschnürte, wenn man nicht kämpfte, nicht versuchte, zu siegen. Die Einladung rauschte ein Lied aus warmer Luft.

II.
Sie beugte sich langsam vor und steckte den Kopf in den Tunnel. Still und leer trug er Schatten und Licht. Sie streckte ihren Arm aus und fühlte in das Nichts. Ihre Finger bewegten sich in stehender Luft und schienen sie zu zerschneiden. Nichts Unbekanntes regte sich, und die Geschichten, die feuchte Tunnelwände zu erzählen hatten, machten ihr keine Angst. Sie starrte auf den Pfad, der in der Schwebe des feuchten Tunnels verschwand, und maß seine Länge mit den Augen ab. Nicht weit, bis die Sonne ihn schluckte und in gleißende Sehnsucht verwandelte, die weich auf ihm ruhte. Trocken, warm, unendlich weich, ein kurzer frischer Windstoß, der faule Luft verwehte – sie löste sich aus der Starre und schob den Rest ihres Körpers in den Tunnel hinein.

III.
Der Geruch wurde stärker. Die Wände raunten sich zu und ließen düstere Erinnerungen an sich herab gleiten wie zähen Kautschuk. Aber es war wärmer hier, als wärmten die Wände sich mit ihren Erzählungen. Nicht weit vor ihr sah sie den weit geöffneten Mund des Tunnels, der freiwillig den Weg ins Licht entließ. Aus gewohnter Vorsicht schritt sie langsam und überlegt voran, den Blick starr auf ihr Ziel hinter dem Ausgang gerichtet. Ihre Sinne legten sich kreisförmig um ihre Umgebung; ihre Schritte, die wispernden Wände, zischelndes Wasser, Gestank nach Tod. Das Ende des Tunnels rückte näher, und erneute Sehnsucht bestimmte den Takt ihres Herzens. Das wachsende Begehren ließ sie vergessen, zog ihre Sinne zurück zu ihr selbst, fort von den flüsternden Schatten der Wände – nur noch wenige Schritte, dann war das Ziel erreicht, die Koffer der Sonne standen bereit, nicht mehr weit, so einfach zu erreichen …
Sie prallte gegen etwas in der Mitte des Tunnels. Es war so groß wie sie, warm und licht. Etwas glitt über ihren Fuß und trat fest zu, bevor es einen Schrei ausstieß. Sie spannte ihren Körper, sprang vor und fiel ins Leere. Wie in Zeitlupe stürzte sie, schlug mit dem Körper auf den rauen kalten Boden und schloss die Augen.

5.
Als sie wieder zu sich kam, empfand sie ein starkes Gefühl der Veränderung.
Ihr Körper schmerzte nicht, ihre Erinnerungen waren fort gespült; sie lag schwer auf weichem, schwammigem Boden, der zu vibrieren schien. Sie erhob sich bedächtig und fühlte eine starke Kraft in ihrem Körper pulsieren. Mit einem Schulterzucken, der Vergangenes von ihr abschüttelte, sah sie sich um. Sie stellte fest, dass sie in einem Tunnel stand, aus dessen zwei Öffnungen ein Weg hervortrat. Auf der einen Seite schlängelte er sich dunkel voran in einen wilden, grünen Dschungel. Auf der anderen Seite schlich er sich hell in einer geraden Linie davon und verlor sich am Horizont. Lautlos wand sie sich einem der Ausgänge zu. Mit kräftigen Schritten erreichte sie ihn, trat über die Schwelle und blickte zurück …