Verstecke.

Ich lenke meine Gedanken in einen Schacht, in dem die Luft nicht zirkuliert. Dort lassen sie sich nieder, bis mein Kopf sich entschieden hat, einen neuen Weg zu gehen. Wie Murmeln rinnen sie durcheinander, ein wilder Fluss flutet den Schacht, schäumt heute hier und morgen da auf wie ein kochender Geysir. In den Händen halte ich Zeus und spreche zu ihm wie zu einem Kind. Meine Gedanken wehen um seine Blitze und lächeln spöttisch als er versucht, seine Stimme zu erheben und sie mit Ambrosia zu begießen.
Wenn ein Windhauch den Zweig vor meinem Fenster zu brechen vermag, werde ich in den Schacht hinuntersteigen und dort nach meinen Gedanken sehen, die nicht mehr mein sind, seit der Schacht sie pflegt.

Ich lenke meine Gefühle in eine Höhle, in der die Luft sich nicht bewegt. Dort stehen Stühle und Betten bereit, auf die meine Gefühle sich setzen und in die sie sich am Ende eines anstrengenden  Tages legen können, um auszuruhen. Schnatternd reisen sie an und kichern, weinen, schreien durcheinander wie eine aufgebrachte Schulklasse auf einer Klassenreise, die sie zum ersten Mal weit von zu Hause wegführt. Wüssten sie, dass ich sie nicht in den nächsten Wochen abholen werde, wären sie sicher nicht so heiter und ausgelassen. Ich verrate ihnen die Wahrheit nicht, indem ich niemals lüge. Gefühle können Lügen sehen wie den Dampf einer alten Lokomotive. Und zwar genauso schwarz. Wenn Goldtropfen aus den grauen Novemberregenwolken auf mein Sims fallen, gehe ich in das Innere der Höhle hinein und suche die Gefühle, die sich in der Kühle und Dunkelheit ihres Unterschlupfes von mir gelöst haben, um endlich auf eigenen Füßen zu stehen.

Ich blicke so lange aus meinem Fenster, bis ich vergesse, was ich sehe. Die Nächte haben keine Konturen mehr, die Tage reihen sich aus den Fetzen vergessener Erinnerung aneinander. Es wird kalt werden in diesem November. Es werden große Fluten aufkommen. Vielleicht werden die Wellen die Tore einreißen, durch die ich gewohnt bin zu gehen. Vielleicht werden Schächte einfallen. Die Höhlen, sagen sie, stehen schon unter Wasser.