Wegwerfworte.

Molly stand am Fenster und blickte auf die kalte Straße hinab. Eben hatte die Müllabfuhr den blauen Sack mit einem Salto in die Luft geworfen, wo sie der lärmende Müllwagen schnappte und verschlang. Nicht mal gierig oder mit einem Hauch von Lust. Molly starrte auf den leeren Fleck, den der Müllwagen hinterlassen hatte. Auf der Straße glänzte noch der gestrige Regen, graue Wolken türmten sich über den Dächern der Stadt und Molly spürte, wie der Müllwagen rumpelnd um die Ecke bog. Sie war früh aufgestanden, hatte sich keinen Tee gemacht, kein Wasser getrunken, nicht gegessen – nichts. Nur geatmet und zugesehen, wie sich Dunstkreise auf dem Fenster formten und wieder verschwanden, bis der Müllwagen kam. Kurzer Lauf-Impuls, Haken auf der To-Do-Liste hinter „Nicht loslaufen“, und Blicke in das Meer aus hupenden Autos, schmierigen Gehwegen, wogenden Sträuchern, Müllwagen-Regung. Wie professionell sie mit den Beuteln umgingen, wie sicher und routiniert jeder Handschlag war. Molly fragte sich, ob es Wochenend-Crash-Kurse gab, in denen Müllabfuhr-Handgriffe schnell und effektiv vermittelt wurden oder ob das Talent war – so wie ihr Talent, ihr Herz an Worte zu hängen, an Wortbilder und Wortbanalitäten – Wegwerfworte. Das Wort bekam hier eine neue Dimension.
Molly hatte mit den Augen draufgehalten wie mit einer Kamera, die ein Pannen-Video erwartete. Es hatte keine Minute gedauert, hätte sie geblinzelt, hätte sie es verpasst. Ein kurzer Moment Gänsehaut auf ihren Oberarmen, unterbeschleunigter Herzschlag, keine Wiederbelebung, aber leichter Schweißfilm auf der Oberlippe, keine beschlagenen Scheiben mehr. Wenn sie sich nicht an die Fensterbank geklammert hätte, wäre das Zittern vielleicht zu verhindern gewesen. Aber das Losstürmen nicht. Dort, wo der Müllwagen gestanden hatte, erzählten die feuchten Flecken jetzt eine geheime Geschichte, Molly sah nicht mehr hin. Hinter ihr gähnten 30 Quadratmeter Lebensraum schonungslos und erinnerten an Salz und verlorenen Mut, während ein Meer an Vergangenem Mollys nackte Füße umspielte. Alltag rankte jetzt nicht mehr vor der Tür und wartete auf einen günstigen Moment – Molly spürte, wie Konformität an ihren Beinen nach oben kroch und schauderte nur leicht. Nichts anmerken lassen, Schauspiel auch da, wo alle Masken fallen. Vor ihren verschwimmenden Augen breitete sich die To-do-Liste wie ein tiefer See aus und brachte sie langsam zurück – zu ihrem Fenster, zum Job im Restaurant, dem leeren Stuhl und dem heruntergefahrenen Laptop, zurück in abgeschlossene Etappen. Hinter der Haustür entfaltete sich ein Leben, das von nun an keine Märchen mehr erfand. Eine klare Linie zog sich das Treppenhaus hinunter, in dem Molly in ihrem Kopf hinter jede Tür geschaut hatte. Langsam, ohne ein Geräusch stieg Molly von ihrem Beobachtungsposten herab in ihre Kleidung, die jetzt neu in ihrem Schrank sortiert werden musste, die sich jetzt neu um sie schlang, ohne zu wärmen. Sie spannte einen frischen Müllbeutel in ihren Mülleimer wie die Plane eines eben ausgehobenen Teiches. Bald würde er mit bunten Fischen gefüllt werden, bald wäre er voller Algen – Molly seufzte.

Sachte schloss sie die Tür hinter sich. Ihre Tasche zog schwer an ihrer Schulter, Erinnerungen nagten in ihrem Kopf und schlangen sich um jeden Gedanken an Morgen. Mit leichten Schritten glitt sie die Treppe hinunter, auf die noch immer feucht schimmernde Straße und legte den Kopf schief. Das Rumpeln der Müllabfuhr war verschwunden und hatte einen stillen Weg zurückgelassen. Im Licht eines schmalen Hoffnungsschimmers drehte Molly sich um sich selbst und ging los.