Odins Lektion.

Als ich Odin das letzte Mal traf, war er gerade dabei, mit Thors Hammer einen Zaunpfahl in den Boden zu rammen und sich gleichzeitig ins Fäustchen zu lachen darüber, dass er so schlau und Thor ein vergeblich Wartender war.
„Setz dich“, brummte er und wies mit dem Hammer auf einen abgesägten Baumstumpf, der nur unweit von ihm stand.
Ich setzte mich stumm.
„Die Raben haben von dir erzählt“, rief Odin mir zu, wobei es ihm nicht schwer fiel, das Krachen des auf den Zaunpfahl aufprallenden Hammers zu übertönen. Ich rutschte unruhig auf dem Stamm hin und her.
„Sie sagten, du seiest wütend, weil dein Dach gebrannt hat.“ Er blickte mich an und ließ dabei den Hammer sinken, „Du siehst aber überhaupt nicht wütend aus.“
Ich merkte, wie ich rot wurde und senkte den Blick.
„Nun?“, fragte er, und Thors Hammer baumelte an seiner Hand wie ein Handtäschchen.
„Ja“, stammelte ich verlegen, „es war das Dach, aber ...“
„Sei’s drum!“, donnerte Odin und ich zuckte zusammen, „Feuer ist meine Leidenschaft und dein Dach eine alberne Kleinigkeit.“
Er lachte dröhnend und ließ den Hammer erneut auf den Zaunpfahl nieder krachen.
Ich war beleidigt, weil ich nicht fand, dass mein Dach eine alberne Kleinigkeit war, aber wütend sah ich trotzdem nicht aus. Ich war nicht gut im Wütendsein. Überhaupt war ich nicht besonders gut im „Sein“; ich konnte an einer Hand abzählen, wann ich glücklich gewesen, an maximal zwei Händen, wann ich wütend geworden war - kein besonders guter Schnitt.
Odin machte nicht den Eindruck, als würde er sich auf ein weiteres Gespräch mit mir vorbereiten; er nahm bereits den nächsten Zaunpfahl und schlug auf ihn ein, als ginge es um sein Leben.
Ich sah meine Hände an; sie waren vom Brand verschont geblieben. Ebenso wie meine Füße und Beine. Doch ich sah alles verschwommen, denn mein Auge hatte zu viel Feuer gesehen.
Ich räusperte mich. Zwar schüchterte mich dieser mächtige Gott ein, doch auf der anderen Seite hatte ich das überdeutliche Gefühl, dass ich nichts zu verlieren hätte.
„Odin“, sagte ich leise. Das Krachen des Hammers war übermächtig, „Odin!“, brüllte ich und erschrak vor meiner eigenen Stimme. Doch mein Schrei schien für den Riesen Zimmerlautstärke zu haben und er sah mich, na ja, freundlich an. „Machst du ... würdest du ...“
Mir war noch nicht ganz klar, wie ich meine Frage vorbringen sollte. Ich rechnete jeden Moment mit einem Wutausbruch oder seinem grölenden Gelächter; beides hatte ungefähr denselben Stellenwert.
„Könnten wir eine Art ... Deal machen?“ Ich sah ihn fragend und zugleich ängstlich an.
„Einen Deal!“, schrie er und schlackerte mit dem Hammer, sodass ich schon befürchtete, er würde ihn nach mir werfen. Aber sein Gesicht war entspannt, und so etwas Ähnliches wie ein Lächeln breitete sich darauf aus.
„Was für einen Deal schlägst du vor, Blondschopf? Ich wünsche uns beiden, dass es ein guter ist!“ Sein enigmatischer Zusatz machte mir wenig Mut, aber ich hatte noch immer dieses bestimmte Gefühl im Bauch - was hatte ich schon zu verlieren?
„Du gibst mir mein Augenlicht zurück und nimmst dafür einen Teil meines Körpers, den ich nicht gebrauchen kann“, schoss ich hervor, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
Odin lachte sein donnerndes Lachen so lange, dass ich schon dachte, er würde sich bis in alle Ewigkeit nicht mehr beruhigen. Er mochte ja alle Ewigkeit Zeit haben - Götter haben da einen etwas anderen Standard als Menschen. Doch plötzlich verstummte er und sah mich ernst an.
„Und an welches Körperteil hast du gedacht, Blondschopf?“
Ich schluckte - ich hatte keine Ahnung. Aber vor Göttern sollte man - neben einer gehörigen Portion Respekt - vor allem viel Ahnung haben, denn Wünsche können nur erfüllt werden, wenn sie so präzise wie möglich vorgetragen werden.
Doch bevor ich sprechen konnte, fragte Odin nachdenklich: „Wie kommst du darauf, mir einen solch seltsamen Deal vorzuschlagen, Erdenmenschlein?“
Ich antwortete ohne zu zögern. „Ich habe nichts zu verlieren, Odin.“
„Nichts - zu - ver - lie - ren! Hahahaha!“
Odin tat einen letzten Schlag mit dem Hammer und der Zaunpfahl zersprang in zwei Teile. Wäre ich nicht völlig eingeschüchtert gewesen, hätte ich gelacht. Odin fand die Sache aber keineswegs komisch und warf den Hammer wütend in die Luft. Thors Waffe drehte sich ein paar Mal um sich selbst, dann zielte sie für einen Moment gen Norden und flog wie ein silberner Pfeil davon. Odin blickte dem Hammer erzürnt nach und betrachtete sich dann enttäuscht den Zaunpfahl, der wie ein benutztes Streichholz zu seinen Füßen lag. Thors Warten würde jedenfalls in kürzester Zeit ein Ende haben.
Ich saß mickrig und kleinlaut auf meinem Stamm und wartete ab. Ich befürchtete, Odin würde so böse über das Missgeschick sein, dass seine schlechte Laune unser Gespräch unmöglich machen würde. Außerdem: Wenn Odin wütend würde, wäre dies der letzte Ort, an dem ich sein wollte. Ich spürte, wie ich zu zittern anfing. Doch Odin legte mir seine überdimensional große Hand auf die Schulter und sagte so sanft es sein zorniges Gemüt zuließ: „Ich beobachte euch seit Jahrhunderten, Blondschöpfchen, dich und dein lustiges Volk. Und ich höre das nicht zum ersten Mal. Ihr glaubt, ihr hättet nichts zu verlieren. Nichts.“ Er starrte eine Weile schweigend vor sich hin.
Ich beneidete ihn ein wenig, weil er groß und stark und zornig war und kein zusammengekauertes Häuflein Selbstzweifel, das nicht einmal in der Lage war, ein Feuer im Dach zu löschen, geschweige denn, es zu verhindern. Alles, was ich wusste, war wie ein Haufen Zeitungspapier mit meinem Dach verbrannt - als hätte ich all die Bücher, die ich je gelesen hatte, zu einem großen Scheiterhaufen zusammengetragen, auf dem ich mich selbst geopfert hatte. Doch bevor ich vollständig in Selbstmitleid zerlief, sprach Odin donnernd weiter: „Du hast ALLES zu verlieren! Hörst du? ALLES! Die Bäume, die Meere, die Wolken, der Wind - das alles ist DEIN. Es ist euer, genauso, wie es mein ist. Dein Volk besitzt Metallkästen mit Rädern, gibt ihnen Namen und erklärt sie zu Besitz. Dann fürchtet es, diesen Besitz zu verlieren und tut alles, um ihn zu halten - es riskiert sein Leben dafür! Doch dann, in diesem Moment, wenn das Leben sich zu einer einzigen dunklen Wolke zusammenzieht und euch umfängt, dann glaubt ihr plötzlich, ihr hättet nichts mehr zu verlieren. Das Auto nicht. Das Dach nicht. Die Bäume nicht. Die Welt nicht. Idiotisch!!!“
Er machte eine Pause und sah mich an. Ich nickte pflichtschuldig, obwohl ich nicht begreifen wollte, dass die Wolken mir gehörten. Und mein Auto konnte ich zurzeit ohnehin nicht fahren.
„Du hast alles zu verlieren. Verstehst du?“
Ich sah ihn groß an.
„VERSTEHST DU DAS, BLONDSCHOPF?“, brüllte er mich an. Ich fiel beinah rückwärts vom Stamm. Dann sagte ich unsicher: „Ja ...?“
Odin seufzte. Ich spürte, dass er nicht vorhatte, mir noch irgendetwas zu erklären. Entweder hielt er auch mich für idiotisch oder er war einfach kein geduldiger Redner - nun, er war kein geduldiger Redner.
„Ich nehme den kleinen Finger deiner rechten Hand.“
Ich zuckte zusammen. Meinen kleinen Finger? Ich brauchte meinen kleinen Finger! Wie sollte ich tippen, meine Gitarrensaiten zupfen, einen Stift halten ... wie sollte ich ohne meinen kleinen Finger leben? Hatte ich nicht gesagt, es solle ein Körperteil sein, das ich nicht brauchte???
Odin sprach nicht mehr. Er stand vor mir und schätzte ab, wie kompliziert es wäre, mir den kleinen Finger abzutrennen. Zumindest glaubte ich, dass er das tat. Ich schluckte. Dann sagte ich heiser: „Aber ... ich brauche meinen kleinen ...“ Odins Blick schnitt mir das Wort ab. Ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern. Er hatte eine Entscheidung getroffen und es war an mir, zu akzeptieren oder zu gehen. Für jemanden, der über jede Entscheidung mehrere Nächte schlief, war das ... Mir kam eine Idee.
„Kann ich darüber nachdenken?“, fragte ich vorsichtig.
Odin schüttelte nicht einmal den Kopf.

Wir schwiegen eine Weile. Seine Augen klebten an meinen Händen, meine Augen klebten an seinem riesenhaften Gesicht, das mit all seinen Furchen und Geschichten auf mich herabsah. Ich wusste, dass mir nicht mehr viel Zeit blieb. Dass er sich auf einen Deal mit mir eingelassen hatte, war mehr, als ich hatte erwarten können. Mir wurde heiß und kalt. Ich betrachtete meinen kleinen Finger. Er war schmal und feingliedrig. Rosig. Ein wenig verschwommen hinter meinem verschleierten Auge. Mein Herz schlug in meiner Brust. Die Wolken waren mein, die Bäume und die Meere - „Du hast alles zu verlieren. Verstehst du?“

Ich stand auf. Odin blickte mich an, und sein Gesicht zeigte keine Regung.
„Danke“, sagte ich. Und ging.