VERÖFFENTLICHUNGEN BISHER
 
 
JUGENDERZÄHLUNG
 
 
What's love got to do with it.
 

Madeleine fummelte nervös am Kragen ihres Rollis. Maik beobachtete es gebannt. Immer fummelte sie am Kragen herum. Oder zupfte nicht vorhandene Fäden und Härchen von ihrer Kleidung. Maik dachte nach.
Seit 6 Monaten. Fast jeden Tag. Nervöses Fummeln am Pulli und T-Shirt. Maik betrachte Madeleines Gesicht und rutschte jetzt auch ein wenig nervös auf seinem Stuhl hin und her. Madeleine hatte diese Mandelaugen. Im Physikunterricht hatten sie sich ihm in den Rücken gebohrt, er hatte es jedesmal genau gespürt.
„Kannst du unauffällig gucken, ob sie mich ansieht?“, hatte er zu Thorben geflüstert und etwas nervös geblinzelt.
„Ja, tut sie!“, hatte Thorben zurückgeflüstert und verschwörerisch gegrinst.
Wenn Maik sie auf dem Schulhof gesehen hatte, war er immer betont lässig an ihr vorbei gegangen und hatte irgendetwas total Cooles gesagt wie: „Hey, alles klar bei dir Madeleine?“
Sie hatte jedesmal gelächelt und die Mandelaugen niedergeschlagen und nervös an dem obersten Knopf ihrer Jacke herumgenestelt, Maik erinnerte sich, wie süß er das fand.
Vor 6 Monaten hatte er verträumt in ihre Mandelaugen geblickt und ‚Ich hab dich lieb‘ gemurmelt – während sie nervös am Ärmel ihres Lieblingspullis herum gezupft hatte. Maik blinzelte. Ihm fielen tausend Gelegenheiten ein, bei denen sie an irgend etwas fummelte. Als sie das erste Mal im Kino waren. Als Thorben und er diese Riesenfete gemacht hatten und Madeleine natürlich eingeladen war und er sie ansprach und sie die ganze Zeit versucht hatte, einen Faden, der aus dem Saum ihres Pullis hing, abzureißen.
Und jetzt waren es 6 Monate später. Er saß ihr hier gegenüber, ihr Kaffee war schon kalt geworden und sie fummelte an ihrem Kragen.
Madeleine hatte ihn hierher eingeladen, mal wieder etwas allein sein und reden, hatte sie gesagt und das fand Maik ja gut. Die letzte Zeit war vollgestopft mit Parties gewesen, sie hatten gar keine Zeit für sich gehabt. Aber jetzt saß sie hier und schwieg seit einer halben Stunde und zipfelte am Kragen und strich den Rock glatt und zupfte imaginäre Haare vom Pullover.
Maik seufzte. Es war ja nicht so, dass er wirklich genervt war. Er fand sie so wunderschön und jedesmal wenn sie lachte, hatte er das Gefühl, sein Herz krampfe sich zusammen und er müsste sie schnell in die Arme nehmen – um das Lachen festzuhalten oder um sicher zu sein, dass es sie wirklich gab.
Aber er verstand es nicht. Und es machte ihn irgendwie nervös. Er hätte ihr am liebsten gesagt, dass da keine Haare auf ihrem Pullover sind oder ihre Hand in seine genommen und festgehalten, damit sie endlich einmal stillhielt.

„Duu?!“, sagte Maik jetzt langgezogen.
Madeleine blickte auf. Sie hatte ihre Kaffeetasse geleert und sah ihn an. Maik schluckte. Ihre Augen waren von faszinierender Tiefe.
„Sag mal, warum machst Du das?“
Maik deutete mit dem Kopf in Richtung des Rollkragens. Madeleine ließ die Hand fallen und sah ihn an.
„Was meinst Du?“, fragte sie verunsichert.
„Na ja, dieses ... dieses Gefiddele!“ Er begann mit den Fingern am Kragen seines Hemdes zu zupfen.
„Ich meine, was soll das, wieso machst Du das dauernd!“
Madeleine antwortete nicht.
„Allen fällt das auf, weißt Du. Ich meine ja bloß. Du bist immer so ... so nervös.“ Er sah sie aufmerksam an. Ihr Gesicht war wie eine undurchdringliche Maske. Sie blickte stumm und ernst in seine Richtung, aber sie sah ihn nicht wirklich an. Er bemerkte, dass sie die Falte ihres Rockes beinahe hingebungsvoll knickte.
„Madeleine,“ sagte er jetzt ein wenig sanfter, „es ist ja nicht wirklich schlimm ... es ist nur so ... wenn man mit dir redet ... man sieht dich immerzu an etwas fummeln und, na ja, es macht die anderen auch nervös.“
Er sah, wie Madeleine rot wurde. Sie blickte auf den Tisch.
Er fühlte sich wie ein Idiot.
Madeleines Hand glitt an der Knopfleiste ihrer Jeansjacke auf und ab. Sie sah ihn immer noch nicht wieder an und er hätte wetten können, dass sie dem Weinen nahe war.
Maik blinzelte nervös. Dass er sie zum Weinen gebracht hatte, tat ihm Leid. Er fühlte sich wahnsinnig hilflos.
„Warum sagst du das?“, brachte Madeleine schließlich leise hervor.
Maik blinzelte erneut. Er wusste es nicht. Er wusste nicht mal mehr, warum er davon angefangen hatte.
Madeleine sah jetzt auf und sie hatte tatsächlich Tränen in den Augen. Maik sah sie ein bisschen verzweifelt an. Die Tatsache, dass er sie zum Weinen gebracht hatte traf ihn. Doch noch mehr traf ihn die Erkenntnis, dass es so sinnlos gewesen war.
Madeleine schluckte und fummelte noch immer an der Knopfleiste.
Dann ließ sie die Hand abrupt fallen und sagte mit fester Stimme: „Ich sag dir ja auch nicht jedesmal, wenn du so blinzelst!“
Sie kniff die Augen rhythmisch zusammen. Maik musste lächeln.
Ihre Mandelaugen bohrten sich in seine. Und jetzt lächelte sie auch – und sah so unglaublich süß aus!
Maik stand auf und ging um den Tisch herum. Er nahm ihre beiden Hände in seine und drückte sie.
„Macht Dich denn irgendwas nervös?“, fragte er leise. Madeleine sah ihn mit großen Augen an. „Du!“, sagte sie lächelnd und küsste ihn.

     



LYRIK
   



Kleinode
Die ich versteckt halte
Liegen dicht beieinander
In meinen Schränken.

Gefühle zerteilen meinen Tag
In kleine Stücke
Die ich nach und nach sammle
Und in den Schrank lege.

In den Jahren,
In denen ich Dich fühlte,
Wurden die Tage
Zu Sandkörnern.

Sie lagen in meiner Hand.
Und liegen für immer in meinem Herzen.
 
Naturgewalten
Irrationale Introvertiertheit
Charisma in der Hosentasche
Haltbarkeitsdatum verlängert
Taktiler Überfluss.

Organisierte Ziellosigkeit
Hoffentlich endlos.
Nabelmalerei
Ewigkeit in Geschenkpapier.

Du und ich
Immerdar
Chansons am Meer -
Hast du je so sehr gelebt?
 
In Madrid.


Seltsam-interessant,
ich erinnere mich selten.

An gestern vielleicht
und dein Lachen
auf meiner Haut.

Doch Morgen ist Erinnerung,
die jede Minute ausschmückt
wie Goya Galerien
in Madrid.


Erschienen in der Februar-Ausgabe der Artmovement-Zeitschrift.
  
 
An meiner Haustür.

Die Frau, die sich
Die Haare schert und
auf dem Kopf Perücken trägt.

Der Mann, der stets
Nach vorne schaut, doch
hinter sich nur Leere sät.

Das Leben, das
Sein Sommerkleid in
Nachtschatten verfärben lässt -

Excludo.

Die Wahrheit, die
Nach vorne rankt und
sich nicht untergraben lässt.

Die weiße Wand,
Die Farbe sucht, wie
Wanderer die Exkursion.

Die Stille, die
Erfahrung mehrt, nicht
ausleert und verdorren lässt -

Ave
An meiner Haustür.


Erschienen in der Mai-Ausgabe der Artmovement-Zeitschrift.